Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. August 1935 (Heidelberg)


[1]
|
<mit Schreibmaschine geschrieben>
Heidelberg, 2.8.1935.
Mein geliebtes Herz!
Verzeih, dass ich wieder mit der Maschine schreibe, aber während der Anwesenheit von Bertha v. Anrooy bin ich absolut nicht zum Schreiben gekommen, und ich kann doch noch so wenig! Für Deine heutige Karte vielen Dank. Wie abscheulich war das wieder mit den Zahnschmerzen! Wenigstens kann der Missetäter Dir jetzt keine Scherereien mehr machen, aber der Vorzug, in einem Tage durchreisen zu können, war vereitelt. Bamberg ist meine besondere Liebe, in seiner stillen Vornehmheit. Es gefiel mir viel besser im Totaleindruck wie [unter der Zeile per Hand] als Regensburg.
Es ist eben eine lebhafte Zeit. Heute wollte Frau Professor Louvaris mich zum Spaziergang abholen, was sie aber scheinbar vergessen hat. Morgen steht Dr. Brosius in Aussicht, und wird bis Montag bleiben, um 2 Uhr wird er weiter fahren. Ich bin nur froh, dass er nun doch noch ein Unterkommen gefunden hatte.
Meine Bäder habe ich noch fortgesetzt, und sie strengen mich doch allmählich weniger an. Dazwischen war Gelegenheit zu schönen Spaziergängen mit Bertha. So sind wir am Dienstag bei den Lehrersleuten in Ursenbach gewesen, wo ich nun auch das Töchterchen kennen lernte. eEs ist ein niedliches kleines Ding, scheint aber ziemlich zart. Überhaupt ist wohl der Vater nicht recht gesund, er klagt über Ohrenschmerzen, und fragte nach einem Nervenarzt. Im Stillen ist er entschlossen, zum Frühling den Abschied zu nehmen. Unser Weg dorthin vom Schriesheimer Hof, immer so ziemlich auf gleicher Höhe, war wunderhübsch und wir waren auch vom Wetter begünstigt, es war weder zu heiss, noch zu kalt. Den Rückweg führte uns das Ehepaar auf den Weg nach Leutershausen an der Bergstrasse, der ganz wundervolle Ausblicke hat. Aber ich hatte keinen reinen Genuss von der Sache, da ich mit dem Blinden ging, und immer in Sorge war, dass er stolpern könnte, und darum guckte ich mehr auf den Boden als auf die Gegend. Zum Trost fand ich dabei aber auch dieses bedeutungsvolle Federchen, das doch von Altersher zum Weg beim Weissen-Stein gehört. Ich dachte mir dabei, dass es Gutes für Dich bedeuten möge, denn ich hatte mir gewünscht, eins zu finden. Für das letzte Ende des Weges hatte uns Herr Häberle eine Abkürzung angeraten, die uns aber in ein trocknes Bachbett geriet, sodass wir schon meinten, uns verstiegen zu haben. Zum Überfluss war die Ursenbacher Zeitberechnung noch verkehrt, und wir kamen 10 Minuten nach Abgang des Zuges.
So - - - nun kam Frau L. doch noch und wir gingen von dem Bahnhof Schlierbach den Weg, an dem das Denkmal der Bürgermeister ist, mit den schönen Aussichten, Sie war sehr befriedigt davon und ist eine gute Fussgängerin. Auf dem Kümmelbacher lud sie mich zum Kaffee ein.
Heute morgen kam die Todesanzeige von Prf. Rosenblath. Es wundert mich, dass die Frau an mich gedacht hat, wir kannten uns garnicht. Erfreulicher ist ein langer, netter Brief von Steiger, der
[2]
| schreibt, dass er eigentlich gehofft hatte, mit einem Historikerausflug an den Rhein und hierher zu kommen, Vorher kam schon eine Drucksache von ihm: ein Seminarvortrag über Stifters Nachsommer in pädagogischer Betrachtung. Damit bin ich noch nicht ganz durch, da ich teils durch Besuch, teils durch Arbeit und die Baderei beschäftigt bin. Ich freue mich, dass er noch so nett anhänglich ist, ich dachte schon, Heidelberg wäre bereits vergessen.
Auch Frl. Lampert schrieb neulich und ich weiss nicht, ob ich Dirs erzählte? Wie immer: 2x ja und 2x nein!
Eine Sorge ist mir jetzt der Fall: Louvaris. Die kleine Frau sprach heutee so, als ob sie ihren Mann hier erwarten wollte, um dann mit Dir hier zusammen zu sein. Das möchte ich keinesfalls, und ich sagte gleich, möglicherweise träfen wir uns auch wo anders.! Alles was recht ist, das ginge mir über den Spass.
Aus Stolp höre ich von Annemarie Böttcher, dass dort Sturm und Kälte ist. Hier war es ein paar Tage auch kühl, aber jetzt ist’s wieder warm, fast Schwüle. Wenn Ihr es doch mit Eurem Aufenthalt gut getroffen hättet! Ich meine, früher Rü[über der Zeile] hmliches über [über der Zeile] über Kohlgrubge gehört zu haben. Annemarie schreibt mir auch auf meinen Wunsch von dem, was ich als Stellvertretung zu tun haben werde. Hoffentlich bin ich nicht zu dumm! Die Zeile da oben ist kein Beweis dafür, dass ich dazu lerne. Ich bin eben schon recht müde, und da geht es einem im Schreiben mit der Feder auch öfters so.
Der Vorstand fängt jetzt an, wieder flügge zu werden und Besuche zu machen. Morgen soll ich mit ihr zum Bergkaffee. Mit dem Schreiben geht es mal besser, mal schlechter, das Sprechen versagt weniger.
Dein lieber Brief neulich, der zuerst vom Reisen schrieb, hatte meine Phantasie so beflügelt, und nun kommen mir allerlei Bedenken und stören dieVorfreude. Erstlich die Sache mit Louvaris, die Du aber hoffentlich arrangieren kannst, und nun die Sache mit dem Umbau von unserm Turm, die absolut nicht in Gang kommt. Ich für fürchte, das geschieht gerade zu Deinem Empfang. Dabei hätte es doch den ganzen Sommer Zeit gehabt, wenn unser Wirt nicht solch ein Langweiler wäre.
Von Adele habe ich noch nichts gehört. Ich fürchte ihre Freude wurde etwas gestört dadurch, dass sie ihre[per Hand] n Devisenschein! - vergessen haben soll. Da Wolfgang fast nie zu Hause ist, habe ich keine genauere Auskunft.
Ich habe noch viel in Ordnung zu bringen, bevor ich so lange fortreise, und war doch die ganze Zeit so lahm, dass garnichts vorwärts kam. Im Grunde fürchte ich mich davor und fr[über der Zeile per Hand] eue mich nur auf Dich! Lass mich nur wissen, sobald Du feste Pläne hast.
Viele, viele gute Wünsche für Euch beide zu Euren Ferientagen. Dir soll die kleine Feder von neuem Aufschwung reden, der so unvermutet kommen kann, wie sie mir auf dem Wege lag. Innige Grüsse in stetem Gedenken von
<per Hand>
Deiner
Käthe.