Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. August 1935 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30.VIII.35.
Mein geliebtes Herz!
Morgen sind es schon acht Tage, seit Du fort bist, und noch hörte ich nichts von Deinem Ergehen. Das ist mir umso härter, als ich den Eindruck Deines Mißbefindens garnicht abschütteln kann. Aber vielleicht hast du ja mit der Heidelberger Luft das alles hinter Dir gelassen, und ich sorge mich umsonst!
Wie hatte ich gehofft, daß die Berührung mit der naturverbundenen Welt in Schönbrunn, die wir früher nur von außen als schönes Bild kannten, auch Dir wohltuend und tröstlich sein sollte. Denn ich weiß nicht, wie ich dies letzte Jahr ertragen hätte, wenn mir das Schicksal nicht diese
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| unerwartete Lebensbereicherung geschenkt hätte. Es ist nicht so sehr die freundliche Beziehung zu liebenswürdigen Menschen als vielmehr der Blick in echtes, gesundes Volksleben, was mir diese Welt zur Kraftquelle machte. Ich fühle darin jenes „unsichtbare Deutschland“, von dem Caroline spricht, und an das ich glaube.
Das alles ist für mich Deine Welt, der Sinn, dem Dein Leben gewidmet ist. Nur durch Dich ist mir dies alles in seiner Bedeutung aufgegangen, und ich fühle darin "den Gedanken Gottes". Und auch für mich ist damit eine Hoffnung verbunden, die über meine arme Existenz hinausgeht - nicht für mich persönlich, aber für die sieghafte Unzerstörbarkeit des höher strebenden Lebens.
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Pythagoras drang also in Babylon in die Arkana der antiken Magie ein. Zu gleicher Zeit sah er in dieser Höhle des Despotismus ein großes Schauspiel: auf den Trümmern der zusammenstürzenden Religionen des Orients, über ihrer gespaltenen und entarteten Priesterschaft, eine Gruppe furchtloser Initiierten, an einander gedrängt, ihre Wissenschaft, ihren Glauben und, so weit sie es konnten, die Gerechtigkeit verteidigend. Aufrecht stehend im Angesicht des Despoten, immer bereit, wie Daniel in der Löwengrube, verschlungen zu werden, faszinierten und bändigten sie das Raubtier der absoluten Gewalt durch ihre intellektuelle Macht, und machten ihm Schritt für Schritt den Boden streitig.
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Prompt mit dem Regenwetter hat meine Neuralgie wieder eingesetzt und erschwert mir die Reisevorbereitungen. Aber ich hoffe doch, am 3. September um 9.52 über Würzburg hier abzufahren und 20.18 am Anh. B. zu sein. - Wegen des Koffers habe ich gefragt, und es kosten je 10 kg. 1,90 M. Nun wird doch der Koffer mindestens 20 kg wiegen, also mit Transport von und zur Bahn cirka 5 M. Ist da noch eine wesentliche Ersparnis gegenüber dem Auto? Ich weiß es leider nicht genau, aber ich zweifle. Könntest Du mir wohl noch rasch eine Karte zukommen lassen, wenn ich doch Expreßgut schicken soll?
Von hier ist nichts Wesentliches
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| zu berichten. Ich hatte allerlei erfreuliche Post, und habe fleißig zu nähen.
Dabei wandern die Gedanken unablässig zu Dir und reden Dir von allem, was in den flüchtig schnellen Stunden Deines Hierseins ungesagt blieb. Warum auch mußtest du wieder fort gerade als Du anfingst, Dich zu akklimatisieren!
Zu unserem Gedenktag morgen nimm innige Grüße und laß uns die Gewißheit unwandelbarer Liebe und Treue festhalten.
Von Herzen
Deine
Käthe.