Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. September 1935 (Stolp)


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Stolp. 20.9.35.
Mein geliebtes Herz!
Heute ist schon eine Woche vergangen, seit ich von Euch ging, und sie ist mir nur so verflogen. Nur nachts habe ich Zeit meinen Gedanken nachzuhängen und mich zu Euch zu versetzen. Anfangs war das ein rechtes Vermissen, und da kamen Eure lieben Briefe sehr zu rechter Zeit, um mich zu trösten und so recht innerlich zu erfreuen. Könnte ich doch in dieser stillen Stunde, wo Hermann in seinem Zimmer arbeitet, Hedwig in einen Bekenntnisgottesdienst geht und die Kinder zu Bett sind rasch zu Euch fliegen und mich von Eurem Ergehen überzeugen. Das Zusammensein war so schön. Es war ja hauptsächlich auf die nähere Verständigung zwischen Susanne und mir eingestellt und ich bin gewiß, daß dies sich erfüllt hat. Allerdings lastet die bevorstehende Veränderung in Eurem Hause, die ich von ihr aus
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| als unumgänglich fühle, auf mir und hat mich von Marja fern gehalten. Wenn ich die Situation überdenke, die wenige Zeit, die Du auch im Hause einem Kinde widmen kannst, dann male ich mir aus, daß du vielleicht im Umgang mit den andern Neffen und Nichten deiner Frau eher Gelegenheit finden wirst, junge Seelen zu gewinnen und Einfluß zu üben. Gerade solche gelegentlichen Begegnungen können besonders eindrucksvoll sein.
Hier bin ich nun schon ganz eingeschaltet. Der Vormittag ist von ½ 9 bis 1 Uhr ganz der Arbeit gewidmet. Nach Tisch wird geschlafen und dann kommt die Familie zu ihrem Recht. Besonders die Jüngste, Helga, schließt sich an mich an; denn Mechtild und Gisela sind sich im Alter viel näher als mit ihr, sie bewohnen ein gemeinsames Zimmer und die Kleine ist viel allein. Man könnte gute Studien über Erbgut an den Kindern machen; äußerlich sind
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| sie immer abwechselnd mehr nach der Familie der Mutter und der des Vaters geartet. Innerlich kann ich sie noch zu wenig beurteilen. Mein Patenkind Gisela ist in den Flegeljahren; sehr mundfertig, kurz angebunden. Aber der Ton des Hauses ist bei aller Freiheit wohlerzogen ohne beständige Ermahnung.
Mit der Arbeit finde ich mich leidlich zurecht. Noch geht es nicht fehlerlos leider, aber Hermann ist geduldig. Trotz des heftigen Sturmes, der heute den halben Schulhof als Samum davon führte, habe ich absolut keine Schmerzen und zehre von der Erholung, die ich mir bei Euch holte! Am ersten Tage hier war noch herrliches Wetter und ich machte mit Hedwig einen schönen Weg an der Stolpe über Wiesen und durch Wald, der ganz märkischen Charakter hatte. Jetzt aber tobt es schon tagelang um das Haus, als sollte es davon fliegen. - Von meinen Bekannten habe ich Annemarie Böttcher und Frl. Dr. Schwarz schon
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| mehrmals gesprochen. - Mit Hedwig vertrage ich mich gut, nur in der Kirchenfrage gehen unsere Meinungen auseinander, da sie ganz positiv eingestellt ist. Sie ist auch zeitlich sehr davon in Anspruch genommen, durch Bibelstunden, soziale Hilfsarbeit u. dergl.! Auf den ersten Blick könnte man denken, daß die Ordnung im Hause größer sein müßte. Aber bei sechs Kindern und nach einer 24jährigen Ehe ist der Haushalt eben verbrauchter, als bei eben Verheirateten. So war der Abstand von Euch zu hier wohl groß. Aber man spürt doch, daß Hedwig alles im Zuge hat und sehr fleißig ist. - Wegen Frau Bon wollte ich noch sagen, daß es wohl nicht richtig wäre, sie nicht zu empfehlen wegen ihres Kochens. Es kommt doch in jedem Haushalt mal etwas Mißglücktes vor und ich fand es durchschnittlich sehr gut. Ich wollte ihr und Euch doch wünschen, daß sie bald etwas Geeignetes fände.
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Obgleich ich immer wieder davon sprechen hörte, habe ich leider die Daten Deiner Reisen nicht behalten und ich schicke diesen Brief auf gut Glück. Am 24., das weiß ich ja gewiß, wirst Du keinesfalls für mich erreichbar sein.
Und etwas, was auch in Berlin für mich unerreichbar blieb, war Deine Arbeit, die ich nur mit Liebe äußerlich betrachten konnte. Aus einer Unterredung mit Brosius erfuhr ich, daß es sich um das "Standortproblem" handelt - und wie glücklich machte es mich, als ich Dich bei meiner Ankunft so freudig beschäftigt fand. Es ist mein heißer Wunsch, daß Du mit neuer Kraft darauf zurückkommen möchtest. Wenn ich im November wieder in Berlin bin, dann darf ich vielleicht mehr davon sehen - ?
Nun will ich den Brief noch in den Kasten bringen - wie sonst in Heidelberg. Hermann läßt sehr herzlich
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| grüßen, auch Susanne "unbekannterweise", denn er hat sie ja damals garnicht "wahrgenommen." Auch ich grüße Euch beide herzlich. In immer gleicher Innigkeit
Deine
Käthe.