Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. September 1935 (Stolp)


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Stolp. 27.9.35.
Mein geliebtes Herz!
Wenn es glückt, soll Dich dieser Brief bei der Rückkehr von Budapest empfangen. Und ich hoffe, Du wirst voll guter Eindrücke von dort kommen!
Von meinem Leben hier ist eigentlich garnichts zu berichten. Ich übe mich in den technischen Fertigkeiten und es geht "im ganzen gut". - Im Hause geht jeder seiner Wege. Bei den Mahlzeiten berichten die Kinder von Ihren Erlebnissen, und es wird oft so laut, daß Dieter beschwichtigt; denn Hermann wird sonst energisch. Gisela besonders hat eine schmetternde Stimme und führt gern das große Wort. Sehr viel ist die Rede vom Turnen, Rudern und B.D.M. und die Mädels sind sehr dabei. Heinz macht hie und da eine kritische Bemerkung, Dieter ist relativ zufrieden von seinem Arbeitsdienst. Er sieht vorzüglich aus. Hauptsächlich sitzt er am Klavier und spielt - weniger fehlerlos, aber mit Temperament und er singt auch mit
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| einer starken, aber angenehmen Stimme. Von den Schwestern ist Gisela und Helga musikalisch, Mechtild scheint in jeder Art am wenigsten begabt, ist sehr groß und sehr hübsch. Alle Kinder haben ein natürliches, offnes Wesen, freundlich und gefällig, an gehorchen gewöhnt, alles in ruhig selbstverständlichen Formen, ohne Duckmäuserei. Denn jeder hat seine ausgeprägt selbständige Art.
In der Schule habe ich - nicht von Hermann - schon einige Male leise meckern hören, einmal ein Lehrer, und einmal - - der Schuldiener!! Der überhaupt eine sehr wichtige Person ist. Jetzt beschäftigt die "gleitende Schulwoche" alle Gemüter und die Verfügung ist da! Das wird eine schöne Confusion geben! - -
Das Wetter ist seit heute ausgeprägt klar, und winterlich kalt. Morgen, Sonnabend denke ich mit der Hannelotte Koeppen, die ich von Heidelberg her kenne, einen größeren Spazier
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|gang zu machen. Sie ist als unbesoldete Vertretung an Hermanns Schule und hat außerdem Privatstunden zu geben.
Hedwig ist in ihrer ruhigen, humorvollen Art sehr angenehm. Für meinen Geschmack ist sie reichlich viel außer Hause beschäftigt und interessiert mit Evang. Frauenverein, Bekenntniskirche u. dergl. Am Sonntag werde ich ihren bevorzugten Geistlichen predigen hören, vermutlich wieder in der Schloßkirche. Ich werde noch ganz bekehrt wieder zurück kommen. Da ist es gut, daß ich auch noch durch Zufall an andere Lektüre kam: eine merkwürdige, Hölderlin-artige Dichtung eines Stettiner Altphilologen Calo. Es war ein Nachklang für die politischen Nachrichten, die Louvaris von Griechenland zu melden hatte: Hoffnungen - Ideale! Es erinnert bisweilen an Hyperion, aber hat auch recht schwache Stellen. Es heißt Protinissa Chrysopulis. Ob es Dir zufällig bekannt ist? Wohl
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| kaum. Mir war es sonderbar, wie ein Klang aus der Vergangenheit - ein Nachfahre Hölderlins noch am Ende des 19. Jahrhunderts. - Und mir persönlich weckte es so lebhaft die Erinnerung an die Zeit in Cassel, da Du mir den Hyperion geschenkt hattest.
Von Susanne hatte ich einen lieben Brief, für den ich "vorläufig" danken lasse. Wenn ich hier sehe, wie dies große unruhige Haus mit einem Mädchen bewirtschaftet wird, dann meine ich, es müßte bei Euch auch gehen. Hedwig organisiert gut und greift nur wenig selbst ein Allerdings ist man nicht so penibel wie bei Euch. - Auf Anstiften von Hermann war ich mit den 3 Großen im Film: Krach um Jolanthe, eine sehr heitere Bauernkomödie. Dagegen bin ich der Politik ganz fern gerückt und überhaupt etwas hinterpommersch geworden. Mit Hedwig habe ich religiöse Disputationen; sie bestreitet mein Christentum. Nun - wohlan! Vielleicht hat sie recht. - - Wir sagen <li. Rand> Gott für das Unaussprechbare, das wir in uns und über uns wissen, <li. Rand S. 3> und so sage ich: Gott mit Dir, mein Einziger, er gebe Dir Kraft.
Deine Käthe

[Kopf S. 3] Herzliche Grüße von der Familie sind immer selbstverständlich