Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Oktober 1935 (Stolp)


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Stolp. 11. Okt. 35.
Mein geliebtes Herz!
Meine Tage sind in friedlichem Gleichmaß abgerollt und es ist eigentlich nichts davon zu erzählen. Die große Welt liegt fern, nur die Kämpfe in Abessinien beschäftigen die Zeitung und - wir leben der täglichen Arbeit. Könnte ich doch mal bei Euch hereingucken! Es ist ein merkwürdiger Gegensatz zwischen meinem Aufenthalt hier und bei Euch. Dort braust das Leben und hier fließt es still. Dafür braust hier der Sturm umso stärker "vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer" und wie es scheint, macht diese kraftvolle Natur den Menschen umso stiller. Wo sich einmal ein Strudel an die Öberfläche wagt, versteht Hermann sofort glättendes Öl darüber zu gießen. In den praktischen Einzelheiten des Berufs ist er - wie immer - neuerungsfreundlich, aber nicht unkritisch. Seine Schule ist in allen Hilfsmitteln glänzend ausgestattet und seine Verwaltungsarbeit ist sehr groß und vorzüglich geleitet. Gerade heute sprach mir die Oberin Gerda bewundernd darüber. - Aber ich empfinde förmlich körperlich beengend den Mangel
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| an Aussprache, an Eindrücken.- Hedwig ist hingenommen von ihren kirchlichen Interessen, die mir in ihrer starren Buchstabengläubigkeit fremd sind. Die Kinder sind alle mehr oder weniger vorschriftsmäßig eingestellt, und andre Menschen bekomme ich kaum zu sehen. - Wenn Du doch mal schreiben wolltest! Wie steht denn Louvaris zum Umschwung in Griechenland? Ich habe damals nur von fern einzelne Andeutungen aufgeschnappt. Fördern die neuen Verhältnisse seine Pläne?
Daß der Vorstand krank aus Ludwigshafen zurückkam, schrieb ich wohl schon. Sie hat zu viel Vergnügen dort mitgemacht. - Ich hatte gestern das Vergnügen, mit Hermann im hiesigen kleinen Theater ein Volksstück recht gut aufgeführt zu sehen. Das Spiel war nämlich so gut, daß man über das schwache Machwerk hinwegkam: Bauer, Gott und Teufel von Konrad Beste. Es ist moderne Tendenz im naturalistischen Gewand einer Bauernkomödie. - Unsre Familie ist eben sehr klein; nur Dieter und Helga sind zu Haus. Dieter musiziert viel und Helga läßt sich Märchen vorlesen. - - -
Verzeih den inhaltlosen Brief, mein Herz, er soll Dir nur viele viele Grüße bringen und fragen, wie es Dir geht? Warst Du beim Arzt?
Grüße Susanne und sage ihr, zum Schreiben fehle mir hier jeglicher Stoff. Meine Tätigkeit ist mechanisch und das färbt auf den Geist ab.
Wie immer voll Innigkeit
Deine Käthe.