Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Oktober 1935 (Stolp)


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<S. 1., außer der Anrede, mit der Schreibmaschine geschrieben, S. 2 handgeschrieben>
Stolp, den 18.10.35.
Mein geliebtes Herz!
Da ich voraussichtlich die nächste Stunde ziemlich untätig hier sitzen werde, will ich mal anfangen, ein wenig zu schreiben. Es ist ein kalter, trüber Morgen heute und da flüchte ich gern zu der Erinnerung an die freundlichen Tage in Berlin. Meine Gedanken fangen überhaupt an, sich hier abzulösen, denn morgen sind es gerade noch zwei Wochen bis ich fortgehen werde. Hermann hat da für mich noch einen Abstecher arangiert, auf den ich nicht gefaßt war: zu einer Broseschen Verwandten, die ich in meinen Kindertagen sehr gern hatte, aber seitdem nicht wiedersah: Vally von Alten in Haseleu, deren Gatten den General (Willy) Du vielleicht kennst? Oder verwechsle ich das? So denke ich am 2.11. dorthin zu fahren, Bahn bis Ruhnow; und von dort [über der Zeile] <Pfeil nach "Haseleu" zeigend> meint Hermann bringt man mich per Wagen nach Gollnow. Inzwischen habe ich von Familie Eggert eine neue betrübende Nachricht. Cläre Fürst schreibt mir, daß ihr zum 1.11. gekündigt ist, und sie weiß nicht wohin? Sie denkt noch immer Karl Ruge könnte ihr helfen, aber abgesehen von der positiven Unmöglichkeit wäre der auch garnicht geneigt. Sie schreibt, daß sie zu jeder Arbeit bereit wäre: Stenographie, Schreibmaschine u.s.w., aber wie soll ich da raten? Ich hatte sie gerade brieflich gebeten, mich hier zu besuchen, was sich mit ihrem Schreiben kreuzte. Nun weiß ich nicht, ob ich sie am Sonntag hier sehen werde. Am gleichen Tage wurde hier in Hermanns Schule ein Lehrer abgebaut, den Hedwig mir als Beispiel angeführt hatte, daß man hier mit dem Arierparagraph nicht so engherzig wäre. Aber dem entgeht keiner! Du kannst Dir denken, wie mich das berührte. Umgekehrt ist es zunächst für meine kleine Freundin Hannelotte ein Glück, denn sie bekommt dadurch eine bezahlte Vertretung.
Allerlei Post hatte ich, wie die Familie behauptet: täglich! Von Heidelberg durch Hedwig Mathy, da der Vorstand wieder nicht mehr schreiben kann. Sie sei wechselnd bald erregt, bald übermüdet. Adele schreibt von ihrem 80. den sie in Wilhelmshöhe mit dem Bruder Ernst verlebte recht befriedigt.
Daß nun doch das Dach in der Rohrbacher umgebaut wurde, schrieb ich wohl schon? Es scheint keine Schwierigkeiten gegeben zu haben.
Im Hause ist jetzt ein recht netter SA-Mann aus Hamburg zu Gast, ein Friseur, der recht elend aussieht. Und demnächst kommt aus Berlin [per Hand] Lokies (v. d. Mission) der hier im Interesse der Bekenntnisgemeinde sprechen wird. Sonst merke ich nichts von dem, was in der Welt vorgeht.
In der Schule ists desto lebhafter. Der gleitende Stundenplan macht endlose Schererei, und die Ferien waren für Hermann natürlich keine, außer dem ersten Tage, wo wir einen hübschen Waldspaziergang machten.
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Auch ich war meist den Nachmittag im "Dienst" - vormittags selbstverständlich. Es wäre mir nicht schwer geworden, wenn ich nicht wieder eine eklige Zahnwurzelentzündung gehabt hätte. - Morgen geht nun auch Dieter nach Königsberg, mit dem ich mich besser angefreundet habe, als es mit Heinz gelang. Der hat mir ein zu gekünsteltes Wesen.
Sehr gern bin ich mit Frl. Dr. Schwarz zusammen, die mehr von unserm Stil ist. Aber das kommt erst zum Ausdruck, wenn man sie für sich allein hat. - - Doch ich will die Epistel, die ich drüben im "Amtszimmer" begann, noch in den Kasten bringen, damit sie morgen früh geholt wird und Sonntag bei Dir ist. Also sage Susanne sehr herzliche Grüße und bitte sie um Geduld, wenn ich nicht auch ihr schreibe. Die Zeit eilt zu sehr. Und auch Dir viele, viele Grüße - dankbar für Eure Karte aus Thale -
von Deiner Käthe.