Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Oktober 1935 (Stolp)


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Stolp. 24. Okt. 1935.
Mein geliebtes Herz!
Aus lieber Gewohnheit will ich schreiben, wenn ich auch weiß, daß ich Dir nichts zu sagen habe, was Dir neu oder interessant wäre. Von morgen an wiederholen sich hier die Wochentage nicht mehr, denn am 2. Nov. schlägt die Abschiedsstunde. Es wird mir leid tun, nicht zum wenigsten wegen der regelmäßigen Arbeit. Es war keine schwere Aufgabe, aber anfangs war ich nervös und ängstlich, seit ich mich sicherer fühe, geht es leicht. - Gestern war die ganze Schule in dem Film: der alte und der junge König. Wie immer wird die Sache ins Rührselige gewendet, aber es war doch eindrucksvoll und stellenweise erschütternd. So manches konnte man gut auf die heutige Zeit beziehen. Im Beiprogramm war auch allerlei Aktuelles; so z. B. die Eröffnung des Winterhilfswerks durch Hitler. - -
Abends war ich mit bei dem Vortrag von Lokies über völkische und christliche Religiosität; es war recht objektiv und klar, das Völkische kam sogar viel eingehender dran als das Christliche, das wohl als selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Zu Haus gab es noch Disputation, bei der er betonte, daß er sich vor allem auf den Beweis aus der Geschichte stütze, die Gottes Offenbarung durch altes und neues Testament verkünde. - Im ganzen scheint die kirchliche Schwierigkeit klug pariert zu sein.
Heut war zur Abwechslung der Oberschulrat da. Es ging alles gut und Hermann war befriedigt. Nun muß also von Montag an der dritte Stundenplan in
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| Kraft treten, denn der vor dem "gleitenden" kann nicht mehr gebraucht werden durch die "Beurlaubung" des Dr. Rosenberg, denn Hannelotte Koeppen hat nicht alle Fächer wie er.
Die Post bringt mir nach wie vor täglich Grüße, nur nichts von Dir, mein Lieb! Vorsichtshalber will ich Dir mitteilen, daß ich nur am nächsten Sonntag, (d. 3.) in Haseleu bin, dann bis zum 7. in Gollnow, Fürstenflaggerstr. 53, und dann bei Ruges. - An welchem Tage beginnen die Vorlesungen?
Ich habe hier mehrere Romane gelesen. Da das bei mir selten vorkommt, macht es mir immer Eindruck. Eine Sache durch Generationen im Stil der Forsite Saga: Die Frauen der Cornvelts. - Dann der Judenroman Tohuwabohu, und jetzt ein Steyrische Bauerngeschichte: Das Grimmingtor, von Paula Grogger; da sind die Menschen aber am wenigsten plastisch.
Etwas sehr Hübsches hat mir Hermann geschenkt; ein Skizzenbuch meines Vaters aus seiner Studentenzeit. Das mußt Du auch sehen, es ist so viel Beziehungsreiches darin. Wir wollen nur für meinen Aufenthalt in Berlin (etwas vom 8.-15. Nov.) ja rechtzeitig verabreden, wann ich bei Euch vorgelassen werden kann, damit ich die Tage zweckmäßig einteile. Ich möchte diesmal auch etwas "sehen", Museum, Märkisches M. etc. - Ich gehe doch dann wieder in die "Provinz".
Ich hoffe, es geht Dir gut? Wie das denn so ist, nicht wahr? - - Sei innig, innig gegrüßt von
Deiner
Käthe.

[li. Rand] Die Familie schließt sich selbstverständlich immer mit Grüßen an!