Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. November 1935 (Hofgeismar)


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Hofgeismar. 23. Nov. 1935.
Mein geliebtes Herz!
Diesmal wird Dich der Brief wohl nicht mehr zum Sonntag erreichen, denn gestern war ich mit Georg im Auto unterwegs nach Cassel, wo wir den Friedhof besuchten. In der Nacht habe ich lieb von Dir geträumt, und diese Stimmung begleitet mich nun. Nur unser Gespräch zuletzt in Deinem Zimmer (am 15. abends) lässt mich noch immer nicht los, und ich grüble, wie dem Mangel, den Du erwähntest, abgeholfen werden könnte. Wie schade, dass dies alles nicht früher zur Sprache kam! - - - - - Inzwischen habe ich mancherlei Eindrücke gehabt; vor allem in Halle. Das unermüdliche künstlerische Streben von Lili hat mir richtig imponiert, und mehr noch die fühlbare Wirkung, die sie als Lehrerin und menschlich ausübte. Sie hat die Grenzen ihres Wesens reich gefüllt. Von einem Besuch der kleinen Sammlung modernster (nicht Tendenz-) Kunst in der Moritzburg ist mir das Abendmahl von Nolde unvergesslich. Ein Bild, bei dem man im ersten Augenblick denkt: wie schrecklich, und das dann mehr und mehr zu leben
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| beginnt, und das eine erschütternde Tragik enthüllt. Und dann denke ich dabei an Deinen Aufsatz über die Päd. Provinz, den ich so oft schon gelesen habe. - -
Tante Jettchen Rothmaler mit ihren fast 90 Jahren war völlig klar und von gewohnter Herzlichkeit. Sie war sehr krank, hat aber noch immer eine unüberwindliche Lebenskraft. - Auch in Giebichenstein waren wir am letzten, sonnigen Morgen. Da waren wir einmal vor langen Jahren zusammen!
Die Reise ging glatt und hier holte mich Georg von der Bahn. Das Befinden meiner Cousine erscheint unverändert. Auch ihre Phantasie und Besserungszuversicht sind lebhaft wie immer. Sie lässt sich erzählen und redet selbst viel - nicht immer sinnvoll, sondern aus einer selbstgemachten Welt heraus; aber ergeben und liebenswürdig. Es ist fabelhaft, mit welcher Frische sie an allem teilnimmt und alles nur irgend Erreichbare in ihren Kreis zieht. Ich glaube, ich wäre in ihrer Lage längst stumpf geworden. - - -
Schrieb ich, dass in Berlin noch die Hoffnung auf Zeichnungen vergeblich aufgetaucht war? Jetzt wird sich nun Deine Voraussage weiterer Reisestationen doch noch erfüllen! Ich werde - der Tag ist noch unbestimmt - einige Stunden in Darmstadt bleiben, um für einen Dr. Schneider eine Arbeit in Auftrag zu nehmen. Und endlich werde ich auch mal wieder zu Hause sein. Es <li. Rand> verlangt mich recht danach. - Wann werde ich mal von Dir hören, Du Lieber? <li. Rand S. 1> Am Montag dachte ich in Frankfurt zu sein, erwarte aber noch Antwort. Sonst fahre ich am Dienstag von hier direkt über Darmstadt durch. - Grüße Susanne und sei Du selbst innig <Fuß> gegrüßt von Deiner Käthe.
[Fußf] <2-3 Wörter unleserlich>. Das war der infame Füllfederhalter.