Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Dezember 1935 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Dez. 1935.
Mein geliebtes Herz!
Es geht mir sehr glatt aus der Feder, wieder "Heidelberg" zu schreiben und ich gewöhne mich gern in die alte Umgebung. - Seit Hofgeismar habe ich nichts mehr von mir hören lassen, und dort erfreute mich doch noch in der letzten Stunde meines Dortseins dein lieber, garnicht mehr erwarteter Brief. Er war überhaupt mehr zum Freuen, als sonst: das Colleg ist gut im Gange, der Vortrag war nach deinem Wunsch gelungen, die Kulturmorphologie reift in der Stille weiter - möchte doch wirklich ein Semester ungestörter und befriediger[über der Zeile] ender Arbeit vor dir liegen! Jetzt kommt nun bald der Wechsel im häuslichen Betrieb und ich hoffe, du nimmst die Sache nicht unnötig schwer. Du hast dich vergeblich bemüht, der Beziehung Tiefe und Dauer zu geben, nun soll aber auch nicht eine bleibende Last davon für dich daraus werden.
In Hofgeismar war es so lieb und hübsch wie immer. Am Sonntag kam noch Walther mit seinem Auto, der sich mit Georg recht gut vertrug. Es ist wohl überhaupt schwer, das nicht zu tun, obgleich Georg keineswegs etwa weich oder unbestimmt ist. Aber seine große Ruhe und sein klares Urteil geben keine Gelegenheit einzuhaken, wie Walther das doch sonst gerne tut. - Am Freitag, als wir den Kasseler Friedhof besuchten, waren meine Gedanken auch bei unsern Gräbern in Berlin und ich weiß, daß wir uns da
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| begegneten. - Übrigens Anneliese war nicht zu Haus. Die habe ich ja in Berlin bei Ruges gesehen, wohin sie zum Prießnitz-Krankenhaus in Mahlow kam. Sie ist dort Volontärärztin bis zum 15.XII., dann ist ihr Vater froh, sie wieder mal nach Haus zu bekommen, denn ihm ist das ausschließliche Naturheilverfahren, dem sie huldigt, nicht ganz geheuer. - Und die Ila reist jetzt mit dem siderischen Pendel! Sie ist eben doch gepickt und findet immer einen neuen Vogel.
In Hofgeismar erreichte mich noch eine Nachricht von einem Dr. Schneider in Darmstadt, den ich von früher kenne, und der was gezeichnet haben wollte. Zum Glück konnte er warten und ich habe ihn am Mittwoch (auf Rückfahrkarte) von Frankfurt aus aufgesucht. Nun werde ich morgen mit Erlaubnis von Dr. Ewald im Samariterhaus die Zeichnung [über der Zeile] am Mikroskop anfangen. Das freut mich. - Dadurch werde ich zunächst hier nicht viel Besuche machen, nur bei Adele war ich gestern, die immer sehr gemütlich ist. Aber man merkt doch auch bei ihr jetzt das Alter an dem umständlichen und wiederholten Erzählen. Gegen Aenne ist das freilich nichts. Sie fühlt selbst leider recht das Versagen. So hat sie z. B. neulich nachts ganz verzweifelt geklingelt, weil sie sich in ihrem Bett nicht zurechtfinden konnte und alles rausgeworfen hatte. Aber es ist schwer für Mathys, denn sie folgt nicht und ist sehr eigensinnig. So kam sie heute bei einem Wetter, daß ich das Ausgehen vermied, bei mir an, läutete ununterbrochen Sturm bis ich unten war, um die Tür zu öffnen, und wollte Kaffee trinken - - aber ich hatte schon getrunken, die Milch war alle und Thee wollte sie nicht! Es war mir so unbequem, denn ich muß nun doch erst mit allem
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| wieder in Ordnung kommen, kann die Aufwartung nicht bestellen, da ich die Tagesstunden zum Zeichnen brauche, mir also zunächst das Allernötigste selbst machen muß. Beim Heizen und Kohlenholen genieße ich dankbar den Schutz Deiner abgelegten Handschuhe. Denke nur immer gelegentlich daran, wenn Du mal wieder ein Paar verbraucht hast. Sie können ganz schofel sein. - - Butter habe ich vorläufig etwas bekommen. Ich habe dem Kaufmann und dem Milchmann zugesetzt, so besitze ich vorläufig 3/8!! Es ist eben ein Artikel, den ich besonders benötige, und unterwegs habe ich wenig davon gehabt, weil ich meine Gastgeber nicht schädigen wollte. - In Frankfurt hörte ich viel von Familiensorgen. Die äußere Existenz ist ja noch recht behaglich, aber doch kein Vergleich mit früher und Anna hat sich natürlich ihren Lebensabend anders gedacht. - So ist von meinen [über der Zeile] Rück-Wanderbesuchen eigentlich der Aufenthalt bei Lili der heiterste gewesen. Sie hat Gelassenheit und doch versteht sie ihrer Muße Inhalt zu geben. - Ich hätte Dir noch viel zu erzählen von all den Eindrücken des letzten Vierteljahrs, die mit so sonnigen Tagen bei Dir - bei Euch - begannen. Ich hätte sie noch anders nützen sollen, das sagte mir unsre letzte Unterredung beim Abschied. Warum ist man nur immer erst so klug, wenn es zu spät ist?
Weil ich gerade daran denke, will ich dir immer
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| schon mal mitteilen, daß am 21. Dezember Hermanns silberne Hochzeit ist. Ich erinnere dann nochmal daran.
Im Hause fand ich außer warmen - Druck, alles in Ordnung. Nun muß nur auf Winterbetrieb umgestellt werden. Eine Jalousie war kaput u.s.w. aber Frau Barth hatte sehr freundlich immer nachgesehen, gelüftet, sogar am 15. geheizt, weil sie dachte, ich käme, und ist überhaupt nett zu mir. Es ist doch sehr angenehm, wenn man sich im Hause gut steht. Unsre politische Überzeugung braucht ja nicht erwähnt zu werden. - - Der Vorstand hat mir ein Broschürchen geschenkt, das sie außerordentlich lobt als eine "Kulturtat". Es ist von Peter Raabe: Die Musik im dritten Reich. Hörtest Du schon davon? Es soll wirklich gut sein, sagen auch andre. Ich konnte noch nichts lesen, habe alle Hände voll zu tun. - Es erfreut mein Herz und ich empfinde es dankbar, daß die Leute mir sagen, sie hätten mich vermißt. Das hört man doch sehr gern. Und ich höre es jetzt alle Tage! - Dafür ist das Wetter umso unfreundlicher. Südwind und ein Regen, stellenweise geradezu Wolkenbruch, sodaß man nicht mehr Tropfen sieht, sondern es fällt das Wasser dicht vom Himmel! - - Ob du als Prominenter auch sammeln mußtest? Hier wird wohl nicht viel eingekommen sein, denn die Straßen waren völlig verödet. - - Genug für heut. Leider nicht zum Sonntag, sondern erst am Sonntag. Aber in Gedanken <li. Rand> immer bei Dir mit innigen Grüßen! Deine Käthe.