Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Dezember 1935 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Dez. 1935.
Mein geliebtes Herz!
Wieder schreibe ich erst am Sonntag anstatt zum Sonntag, wie ich doch viel lieber tue, weil ich vermute, daß Du da eher ein Augenblickchen Zeit für - Privatlektüre hast! Nun habe ich mich also eine Woche lang hier wieder zurechtgerückt, und auch einermaßen Ordnung um mich hergestellt. Es war nicht leicht, da ich so viel von Hause fort sein mußte und die Frau vorläufig nicht bestellen konnte, da ich alle Vormittage zum Zeichnen ausging. Und ich mußte so viel erst prüfen, weil ichs vergessen hatte in der langen Zeit! Aber jetzt "sehe ich doch Grund," wie man sagt. - Überall habe ich gute Eindrücke und freue mich des Wiedersehens. Nur mit dem Vorstand haben sich gleich wieder Schwierigkeiten eingestellt. Nachdem ich ihr am vorigen Sonntag energisch erklärte, daßs solche Überfälle nicht erwünscht wären, besuchte ich sie am Montag auf eine Stunde, ging am Mittwoch nach der Gratulation bei Hedwig Mathy auf eine halbe Stunde zu ihr, kam am Freitag um ½ 6 um 2 Stunden zu bleiben und da erklärte sie, sie hätte garnichts mehr von mir; ich käme nur Mathys wegen. Das trägt natürlich nicht dazu bei, das Verhältnis zu beleben. Mit der Unterhaltung hat es eben seine Schwierigkeiten. Sie erzählt mancherlei, was mir nicht interessant ist, und mit der Überzeugung sind wir genau so auseinander wie immer schon. Heute ist sie zu meiner
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| Freude in Ludwigshafen. - Gestern Abend besuchte ich die Probe zur Bachschen Hmoll-Messe, ich konnte mich aber nur stellenweise einfühlen. Von den Solostimmen waren Alt u. Mezzosopran schön, die andern mäßig und der Tenor minder. - Schon vorher beim Buchhändler hatte ich gehört,x [li. Rand] x Dem Verleger von dem Buch Geist u. Reich von Richard Benz ist - geraten worden, es nicht mehr auszugeben. was sich auch erwies, daß der Männerchor verschwindend klein gegen die Unzahl der Damen war. Es erschien mir überhaupt die Aufführung nicht ausgeglichen.
Dagegen war ich am Tage vorher bei der Bekenntnisversammlung ganz bei der Sache. Privatdozent Wendland sprach über Weltchristentum und seine internationalen Bestrebungen. Und Prof. Hupfeld berichtete mit mutiger Offenheit von den jüngsten Vorgängen und Verhandlungen. Die Einzelheiten sprachen für sich selbst und sind durchaus im gewohnten Stil. Man sieht sehr ernst in die Zukunft. Das scheint Schacht auch zu tun!
Von der Schwiegertochter Weise hörte ich noch von unsrer Cäcilie Österreich. Sie sei ernstlich krank gewesen; und sie habe ihre Verlobung auflösen müßen, wie Frau W. geschmackvoll sagte: wegen Rassenschande. Familie Oe. habe sich übrigens ein großes, neues Haus gebaut, zum allgemeinen Erstaunen. (Vermutlich als Kapitalanlage?) - An die Cilli muß ich viel denken, auch an Clärchen Fürst. Und wie viele sind es noch, die das trifft!
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Gewiss ist auch manchen Anderen das Leben schwer! Aber es ist doch eine besonders grausame Weise. -
In diesen Tagen las ich zum zweitenmal die "Fischerfrau von der Nehrung" und mir ist, als ob ich durch die Luft an der Küste neues Verständnis dafür gewonnen habe. Vor allem ist mir durch meine Schwägerin die Intensität der "Bibelleute" menschlich gegenüber getreten. Aber wie schwer ist es auch diesen, den "Weg" zu finden.
Ich kranke am Vorstand und ich habe so viel unter ihrem Wesen gelitten, daß ich nicht mehr will. Aber dann sage ich mir, daß es Pflicht ist, und daß ich schon aus Mitleid standhalten muß.
Dr. Schneider von Darmstadt war am Freitag da, um die erste Zeichnung zu sehen und war zufrieden. Diese Woche wird nun noch die andre fertig werden. Das gibt einen kleinen Zuschuß. Leider habe ich durch die Reise lange nicht so viel gespart, wie ich hoffte. Abgesehen von der Miete laufen Städtische Umlagen weiter, die auf meine kleine Wohnung für Wasser, Elektrische und Gasuhr, ohne den mindesten Verbrauch monatlich 5 M. betragen. Und so kommt eine Überraschung nach der andern. - Deshalb, mein liebes Herz, und weil wir doch alle sparen müssen, wollen wir uns wirklich zu Weihnachten nichts von Geldeswert schenken. Sage das doch auch Susanne. - - Ob es eine Möglichkeit
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| gäbe, daß wir beide uns irgendwo treffen, wage ich kaum zu glauben, wenn ich auch die Hoffnung in der Stille nicht aufgeben kann. Ich gedenke noch viel der gemeinsamen Tage, an denen ich leider nicht immer frei von Hemmungen war. Wie so oft denke ich, daß ich sie anders hätte nützen sollen. Aber es ist doch so, daß mir aus unsrer Gemeinsamkeit immer neue Kraft kommt und daß Deine Gewissheit auch die meine ist; die Gewissheit, um die wir immer wieder ringen müssen und die wir nicht verleugnen können.
Daß Ihr vorigen Sonntag ausgeflogen seid, hat mich sehr gefreut. Ich wollte, es wäre heut wieder geschehen. Es ist zwar kalt geworden, aber noch kein Schnee; nur viel Wind. Und ich friere nicht gern. Im Zimmer habe ich es auch gut warm. - Briefe hatte ich von Hermann, der noch immer ahnenforscht, von Anna Weise, Lili Schelbe und Lieschen Schwidtal - wenn man nur nicht immer in der Schuld wäre!
Doch nun für heute gute Nacht! Ich denke viel an die bevorstehende Veränderung bei Euch. Es wird manche Mühe für Susanne mit sich bringen, aber dann auch hoffentlich Entlastung, um Zeit für andres zu haben.
Sei mir innig gegrüßt und sei so frei innerlich wie irgend möglich.
Deine
Käthe.