Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Dezember 1935 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Dez. 1935
Mein geliebtes Herz!
Ach, jetzt sind es fast 3 Wochen, seit Dein lieber Brief nach Hofgeismar kam und ich möchte doch immer von Dir hören! Bitte, bitte, gewöhne Dir das Schreiben nicht so sehr ab – es ist doch die Hauptsache für mich. – – Gegen den Freitag, der sonst mein Privileg war, hat sich das Schicksal aber verschworen. Heute endlich dachte ich einmal behaglich Zeit zu haben, da kam – o Freude: – ein Auftrag von der Augenklinik. Als ich von dort zurückkam, klingelte Rösel Hecht an und entführte mich noch in die Stadt. Und dann war Zeit zum Abendbrot, das mit dem Herrichten und mit Spülen gut eine Stunde in Anspruch nahm. Und nun ist es spät. Aber Du wirst Nachsicht mit mir haben, nicht wahr? Es geht mir eigentlich gut; jeder beredet mein Aussehen und ich bin auch entschieden wohler und kräftiger. Und wie froh bin ich, das auch gleich etwas zu betätigen. Gestern war die Arbeit für Dr. Schneider fertig, heute begann die Augenklinik und im Januar hat Dr. Ewald wieder Blutbilder. Dabei hatte ich gerade auf die Aufforderung, der Arbeitsfront beizutreten, erklärt, ich sei schon länger arbeitslos. Da will mich das Schicksal scheints Lügen strafen. Es wäre nett von ihm und ich würde dann auch willig meinen Beitrag zahlen, wenn es so dabei bliebe.
Sehr erfreut bin ich, daß mit dem Vorstand jetzt wieder gut zu verkehren ist. Ich will ja gewiß gern hingehen, so viel ich irgend kann, aber ich kann nichts alles andere deswegen vernachlässigen. –
Zu berichten habe ich eigentlich nichts diesmal. Ich bin
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| jetzt wieder aus der für mich nicht geeigneten <unleserliches Wort> des Optimismus – außer beim Vorstand – gründlich heraus. Freilich ist es nicht fruchtbar, da man ja nichts ändern kann, aber ich höre doch mit Staunen, wie offen die Leute hier Farbe bekennen. Das kommt wohl daher, weil es jetzt anfängt, an die Magenfrage zu gehen. – Einzelne aber verstehen auch wieder, ihren Vorteil dabei zu wahren. Hans Henning, z. B., der definitiv von Danzig fort ist, hat sich in Baden-Baden eine Villa mit Park gekauft. Vielleicht auch als Flucht in Sachwerte zu beurteilen; man sagt hier unter anderen, daß viel kostbarer Schmuck gekauft wurde – aber hat man da nicht nur die Sorge, ihn zu hüten?!
Die „Kulturtat“, von der ich Dir neulich erzählte, habe ich jetzt gemeinsam mit Adele gelesen und wir hatten große Freude daran. Es ist wirklich eine große Ehrlichkeit der Kritik und man staunt, daß das Schriftchen noch nicht verboten ist. In kirchlichen Fragen ist jede schriftliche Mitteilung verboten.
Liebes Herz, Du hattest mir einen Brief von Hermine angekündigt! Ist sie noch in Fürsatz?, ich möchte ihr gern einen Weihnachtsgruß schicken; so wenig Weihnachtsgedanken wie diesmal hatte ich noch garnicht. Dabei möchte man doch so gern Freude machen, da ja sonst so wenig Ursach dazu da ist. Aufmärsche, Reden, Eröffnungen, Kundgebungen, Aufmärsche, Reden – – fieberhaft. Hoffentlich geht Dein Colleg ruhig und befriedigend weiter. Wie schön, daß die Jugend noch immer das echte zu finden weiß.
Sei innig gegrüßt – und denke daran, daß am 21.12. Hermanns silberne Hochzeit ist. Die fahren tagsüber mit den Kindern zu Hedwigs Bruder nach Schlema – sind aber abends wieder zu Haus. – – Herzliche Grüße auch an Susanne.
Im Treuen
Deine Käthe.