Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Dezember 1935 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31.Dezember 1935.
Mein geliebtes, geliebtes Herz!
Nun sitze ich wieder an dem Platz, an dem Du so fleißig Grüße und Danksagungen schriebst und sollte Dasselbe tun. Aber meine Gedanken sind unablässig bei Dir und können sich nicht trennen. Warum muß das Leben uns immer wieder weh tun; ist nicht das Herz schon wund genug? Auf mir ist ein Druck wie von einer ungewollten Schuld, eine ungelöste Sehnsucht nach einer erhofften Befreiung. Du lieber Seelenkundiger, sage mir: warum?
Ich weiß wohl, mit dem Japanplan kann ich so rasch nicht fertig werden, wie Ihr. Er kam mir trotz mancher Vorbereitung zu jäh in die Weihnachtsstimmung. Dann grüble ich über die Intriguensache, die mir in der klaren, übersichtlichen Darstellung, die Du gabst, nicht eigentlich gegen Dich gerichtet erscheint, sondern als Einkreisungsmachenschaft gegen den andern. Aber wer weiß denn, ob der Sumpfboden, über den man heute gehen muß, nicht eine heimliche Gefahr birgt! "Fürchte Dich nicht, glaube nur!" muß ich immer wieder denken; und möchte Dich bitten, laß Dich von diesen Dunkelheiten
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| nicht anfechten, laß Dich von Deiner klaren Linie nicht abbringen. Es sind noch viele in Deutschland, die auf Dich schauen und nichts ist verloren, was Du ihnen gibst. Natürlich möchten wir stolz sein können auf unser Vaterland. Aber lieben wir es nur deshalb? Braucht es uns nicht doppelt, wenn es darnieder liegt? Ich kann es garnicht ertragen, wenn man nur hoffnungslosen Niedergang sieht. Es ist da noch ein stiller, guter, ehrlicher Bestand, an dessen Lebenskraft ich glaube. Nur was man aufgibt, geht verloren.
Inzwischen bist Du nun zu Haus und wirst berichten, wie schädlich wieder das Heidelberger Klima war. Dabei haben wir heute wieder frischen Talwind, den ich bei meinen Wegen über die Brücke wohltuend empfand. Ich war beim Vorstand, der ich Deinen Auftrag ausrichtete und die umgekehrt sich entschuldigen wollte über die unerwünschte Störung. Dann machte ich mit ihr den Condolenzbesuch bei Marie Schupp, die in ihrer Gefaßtheit und tiefen Trauer sehr rührend war. Sonst habe ich viele Stunden geschlafen, denn der unterdrückte Katarrh hat mich doch recht angegriffen. Jetzt werde ich diesen Brief zur Post bringen und jene Beschäftigung fortsetzen. So werde ich am schnellsten wieder normal. - An Susanne schreibe ich bald. Hast Du sie wieder wohl angetroffen? Grüße sie mit herzlichen Wünschen.
<li. Rand> Wenn die ernsten Glocken das neue Jahr einläuten, werden meine treuen Wünsche um Dich sein, sie werden es immer sein, wie es auch komme.
In unendlicher Liebe   Deine Käthe.