Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Januar 1936 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 7.I.36.
Mein innig Geliebtes!
Heut muß ich endlich einmal schreiben. Denn zwischen 2 hochgehenden Arbeitsphasen ist ein ganz kleiner Ruhepunkt, wenn davon überhaupt die Rede sein kann. Die ruhelose Anspannung der Ferien hat heut der angespannten Bewegung des Semesters wieder Platz gemacht. Du siehst daraus, da ja die Arbeit heut nicht ein Erfüllen laufender Pflichten, sondern ein bewußtes Besetzen kultureller Positionen ist, daß das Terrain nicht aufgegeben ist, vielmehr von mir in zähem Ringen verteidigt wird. Aber es ist so, daß man für die Festung eines absoluten Rückzuges, wenn er notwendig werden sollte, dankbar ist. Darüber haben wir auch nicht ausführlich gesprochen. Denn das innerliche Zusammensein ist immer so schön, daß man nicht immer gerade vom Äußersten reden möchte. Andererseits sind die Nerven bei aller Selbstbeherrschung eben doch nach 3 solchen Jahren leicht am
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| Ende. Susanne war am heiligen Abend "fertig", nicht weil dies oder jenes war, sondern weil immer alles zusammenwirkt. Ist man dann noch physisch herunter, dann geht es eben zeitweise nicht mehr. - Jetzt aber geht es wieder besser.
Ich danke vor allem für die Christrose als liebes Symbol und für den Kalender im gleichen Sinne. Der Deinige ist da. Hoffentlich habe ich morgen so viel Besinnung, ihn nicht zu vergessen.
Den Fröbelbrief verstehe ich wie Du. Aber ich meine doch, daß man in seinem Kreise manches als unmöglich empfand, nachdem er sich an eine Frau gebunden hatte, von der er so kühl und korrekt sprach, wie es hier geschieht. Sie hat offenbar in den Kreis des F.schen Wirkens so wenig hineingegeben, daß er - Ersatz suchte. Parallelen mit mir mögen sich aufdrängen. Aber, wie immer, mit erheblichen Unterschieden. Wer mir auch nur "Unvorsichtigkeit in der
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| Leipziger Zeit nachsagt, sollte doch wissen, daß ich für meine Person zwar aufs äußerste geplagt worden bin, aber in 9 Leipziger Jahren 3mal mit einer Dame allein spazieren gegangen bin: einmal mit einem aufdringlichen Geschöpf, das nicht abzuschütteln war; einmal mit Johanna W. - in einem Zustand der äußersten Verzweiflung, an den sich unmittelbar die schwerste Krankheit meines Lebens anschloß, (auch dies zu meinem Heile, damals aber als eine Lebenskrisis, in der ich besinnungslos ins Leere griff); einige Male mit Susanne, was dann nach genau 19 Jahren in einer zweiten äußersten Krisis zum Positiven wurde. Johanna W. hat nur einen Eindruck von Felizitas und mir durch Sehen gewinnen können. Da liegt vielleicht ein Gedächtnisirrtum von Dir vor. Daß Felizitas nie die Rolle der Ulrike v. Levetzow am geringen Nachbild hat spielen können, geht wohl schon daraus hervor, daß sie - als sie aufhörte Kind zu sein - in recht oberflächlicher Weise selbst meine freundschaftliche Gesinnung mißachtet hat ¹).[unter der Zeile] ¹) Ankunft von Hermannstadt, ca 1925, als sie 20 wurde.. Darin aber be
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|hältst Du recht, daß auch bei mir das Pädagogische nie ganz vom Eros als der idealschöpferischen Macht getrennt war. Das ist ein Gesetz des Lebens; das Leben aber führt nur durch Brüche aufwärts. Wer nicht zerbrechen kann, kommt nicht mit in die Höhe.
Nicht ganz lieb sind mir diese "Analogien". Sie führen notwendig auf Typisches. Ich möchte z. B. nicht, daß Du und ich - von Heidelberg und Ilmenau und Reichenau und Freudenstadt und Mittenwald - ins Typische aufgehen. Was zwischen Dir und mir ist, das hat in der landläufigen Sprache keinen Namen. Wie sollen wir es denn nennen: Geschwisterhaft - so nannten wir es einmal stammelnd - oder Liebe oder Freundschaft oder wie? Das ist es alles so typisch nicht; weil es in seiner Einzigkeit und Heiligkeit nirgends "untergebracht" werden kann. Ich habe Dir gesagt, daß ich zu Dir allein über das zwischen Susanne und mir Wallende reden könnte. Dies ist die höchste Stellung, die ich zu vergeben habe. Ich gebe sie aber
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| nicht; sondern Du hast sie. Und nun suche Du mir dafür einen Namen!
Überall ist es so: es kommen Ärgernisse und Differenzen. Wir aber leben aus dem Wesen. Selbst das wird immer wieder umkämpft. Ich möchte es nicht anders. Denn anders bleibt das Wesentliche nicht lebendig. Es wäre nicht gut, wenn wir je nur zur Feier gemeinsamer Erinnerungen zusammenkämen.
Hierzu nur anmerkungsweise, daß ich nun auch einen langen Brief von Johanna W. habe. Ein früherer soll verloren gegangen sein. -
Arbeitsbericht: Am 1.I. habe ich noch Neujahrssachen erledigt. Dann aber habe ich in 4 Tagen die "Kulturmorphologie" schlecht und recht fertig gemacht und sie gestern in den Druck gesandt. Das heißt: in 2 ½ Wochen mit Weihnachts- und Neujahrsbetrieb habe ich 2 erhebliche Abhandlungen geschrieben. Jetzt stehe ich dem Semester allerdings schwach gewappnet gegenüber. 3 Dissertationen sind liegen geblieben. Sonnabend fahre ich nach Hannover, rede dort am Sonntag im Kreise W. Böhms. Montag u. Dienstag
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| sind große Staatsprüfungstermine. Mittwoch habe ich den öffentlichen Akademievortrag über Kulturmorphologie, der eine 3. Fassung bedeutet. Bis Ende Januar ist alles besetzt.
Das Jahr begann mit einem Besuch von Oger, der wieder einen ordentlichen Eindruck machte, wenn auch seine Lebensverhältnisse z. T. durch eigne Schuld zerrüttet sein mögen. Aber das rechtfertigt noch nicht den Verdacht. (Heut traf ich ihn wieder und fand ihn durchaus klar.) Ich habe dann in Sachen der akad. Kantkommission am 3.I. eine 3stündige schwere Konferenz gehabt. Am 4.I. war Elisabeth Menzel, geb. Lüpke, mit dem stillen Töchterchen Gisela, da. Am 5.I. machten wir unsre Ferien u. hörten am Sonntag Nachm. die "Fledermaus", die ich noch nie gehört hatte. Andere Besuche waren symptomatisch lehrreich. So auch heut Hans Günther, der wieder allerhand wußte.
Im Kolleg heut volle Besetzung, strenge Aufmerksamkeit - aber seltsam kühle Distanz. Ernst Löwenthal berichtete
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| Typisches, allzu Typisches - der Junge ist doch nur ¼ Jude!
Die Sache Mussolinis muß man eingehend verfolgen. Es bildet sich eine ganz neue Konstellation. Wenn jener Hans [über der Zeile] <in lat. Buchstaben:> Hans zur Reichswehr geht, stärkt das unerwartet meine Position. Dort weiß man quoad personalia völlig Bescheid. Man verfolgt die Schuldigen.
Was wird noch werden? Wird es Schnee zur Olympiade geben?
Marja hat Susanne eine Rückantwortpostkarte geschickt ohne Gruß und Neujahrswunsch. Sie ist unbeantwortet geblieben.
Dieser endlose Brief ¹)[li. Rand] ¹) er wird sonst noch von meinen Nachfolgern ediert, wie Fröbels! muß wohl einmal ein Ende finden, obwohl ich lange nicht alles berührt habe. Morgen liegt viel vor. Ich werde kaum etwas hinzufügen können. Deshalb schon heut: trage den Vorstand mit Geduld, wie ich es lange und schmerzlich mit Frau R. in den letzten Zeiten mußte. Da ist nichts mehr "zuzurechnen". Das Band, das in die Tiefe reichte - es ist längst erkannt - das soll man festhalten als Funken. Denn im stillen glüht immer noch ein Fünkchen. Sonst würde man unter Enttäuschung nicht leiden.
Vor dem 20.I frühestens kann nicht wieder schreiben. Dein Dich innigst grüßender, dankbarer Eduard.