Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24./25. Januar 1936 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 24.I.36.
Mein innig Geliebtes!
Es ist schwer, nachzuholen, was in 14 Tagen vielfältigen Bemühens und angestrengter Arbeit nicht berichtet werden konnte. Ich rechne daher - heut Abend schon todmüde und überreizt - damit, daß ich morgen ein paar unvollendete Blätter absende, damit Du doch zum Sonntag etwas bekommst.
Es kommt mir selbst seltsam vor, daß es schon 14 Tage sind, seit ich nach Hannover fuhr. An dem betr. Sonnabend hatte ich zuerst die 25 Jahrfeier der Kaiser-Wilhelmgesellschaft besucht, über deren Jubiläum sich ja die Systempresse absprechend genug geäußert hat, während derjenige, der das letzte Wort hat, sich bescheiden und still anders geäußert haben soll. Am späten Abend war ich noch im Hôtel mit W. Böhm freundschaftlich zusammen. Mein Vortrag am Sonntag Vorm.
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| gelang nicht so ersten Ranges, wie ich das gewünscht hätte, fand aber Beifall. Es waren genau 500 Leute da, darunter fast die ganze H.sche Pädagogische Akademie - eine weibliche Akademie. Alte Bekannte sah ich wieder. Der Direktor des Gymnasiums, in dem ich sprach, ist mein alter Freund Hösch (einst Düsseldorf.) Von - 1 - ½ 5 blieb ich bei Böhm im Familienkreis. Dann folgte ein Tee mit ca 14 Einladungen. Ich mußte von Tisch zu Tisch in 2 Stunden herumsitzen, mit allen Honoratioren reden, und kam im Auto noch rechtzeitig in meinen Zug, wo ich trotz der Überanspannung noch die ersten Korrekturen der "Kulturmorphologie" las. Das Kolleg für den nächsten Tag war schon fertig, was man so nennt, dann folgten 2 Tage Staatsexamenstermine, in denen ich bemerkenswerte Urteile des Vorsitzenden über Bäumchen und Rieffert hörte, während Nicolai H. von dem Gerücht erzählte, daß er nach Rostock
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| versetzt würde. (Dies Gerücht zirkuliert tatsächlich.) Am Mittwoch hatte ich dann nach der Sprechstunde den öffentlichen Akademievortrag über Kulturmorphologie zu halten, der unter den ungünstigsten Bedingungen stand. Vorbereitet war er gut, aber viel zu vollgestopft. Meine Uhr war auf der Hinfahrt stehen geblieben. Der Saal ist unerträglich, mit 4 m Distanz von der ersten Hörerreihe. Anwesend waren mindestens 300 - die Höchstzahl, die in diesem Jahr bei diesen Vorträgen erreicht worden ist. Aber es ging stimmungslos, also schlecht. Und es fehlte auch tatsächlich an Erfolg.
Die Arbeit an Vorlesungen und Seminaren mußte natürlich weitergehen. In der psychol. Vorlesung besteht Hörerzunahme, in dem schweren Kantkolleg ist die Beteiligung stabil. Im Seminar fange ich wieder an, aus der Fülle des Herzens freier zu reden. Was am Sonnabend war, bringe ich in meiner Müdigkeit nicht mehr heraus. Jedenfalls war er nicht frei. Sonntag wurde zerrissen durch Fragebogen über
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| arische Abkunft u. Vereidigung als Hausluftschutzwart und Besuch in Potsdam bei der Schwägerin, die "Abrechnungen" von ¾ Stunden exercierte. Ich war so ziemlich mit den Nerven fertig. Aber es geht dann doch immer weiter, obwohl nie freie Stunden sind. Was am Montag u. Dienstag war, bringe ich heut Abend auch nicht mehr heraus. Mittwoch aber war Mittwochsgesellschaft, gestern öffentliche Sitzung der Akademie, bei der Meinecke eine Rede über Ranke hielt und uns in längst vergangene Zeiten geistigen Niveaus zurückführte, wie man sie heut eben nicht mehr will.
Ich kann heut nicht mehr schreiben, obwohl ich mich mit allen Mittel noch einmal aufgeputscht habe. Füge nur noch hinzu, daß ich mich morgen Nachm. mit Litt in Wittenberg treffe.
Nachtrag. Sonnabend voriger Woche war Flitner zu Mittag hier: 12–5. Nachm. waren wir mit den Nachbarn Hertz bei dem 88jährigen Stumpf u. Frl. Hohenadel.

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25.I.36.
Geliebtes! Heut will ich nur gleich mit der Frage des 2. Februar anfangen: Was soll ich schenken und wie soll ich schenken? Von hier aus oder durch Deine liebe Vermittlung? Hierauf antworte mir bitte durch Postkarte, da ja nicht mehr viel Zeit ist.
Im engeren Gebiet kann nur zunehmende Verdüsterung festgestellt werden. Wie es sonst steht, weiß ich nicht, weil ich kaum noch inl., geschweige ausl. Zeitungen lese. Ich komme auch nur mit wenigen Leuten zusammen, die etwas mitteilen können. So wird man stumpf.
Ein paar Einzelheiten: Etwas später, aber verständiger Brief von Heinz. Selbst Lore hat geschrieben. Nur von Marta Wais auffallender Weise nichts. Ich bin mit der Beantwortung von Neujahrssachen immer noch nicht durch, weil ich jetzt 3 umfangreiche Diss. schleunigst erledigen muß. Der Brief an Steiger, den ich für den
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| 30.XII. geplant hatte, ist immer noch nicht geschrieben. Vielleicht vertröstest Du ihn mal. Die Kulturmorphologie ist soeben fertig korrigiert worden. Der Goetheaufsatz liegt auch schon gedruckt da. Nur von dem Reichswehrvortrag (abgesandt 22.XII.) höre ich nichts.
Morgen ist der Schulrat Gans aus Halberstadt zu Mittag da. Montag werde ich für die Öffentlichkeit photographiert. Dienstag haben wir einen Tee mit 6 Griechen etc. im Hause. Mittag kommt ein poln. Philosoph aus Lemberg zu Mittag.
Seitz wird Mitte Februar in Potsdam zurückerwartet. - Die östliche Sache kommt vielleicht in angenehmer Form an mich heran, u. wir beide haben bei dem Befund hier nicht übel Lust.
Es ist sehr schade, daß Du die Kammer aufgeben mußtest. Aber wenn ich mal wiederkomme, findet sich schon auf andre Art Rat. - Strenge Dich bei dem 2.II. nicht allzu sehr an! Ich breche jetzt kurz ab, weil ich um 12 essen u. bis dahin noch allerlei unter Dach bringen muß. Sonnabend ist immer so viel aufzuarbeiten.
<li. Rand> Viele innige Grüße! Susanne, die natürlich auch grüßt, hat wieder 4 hartnäckige Tage gehabt. Ich bin oft recht besorgt deswegen. Dein Eduard.