Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1936 (Berlin)


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Dahlem, den 23.II.36.
Mein innig Geliebtes!
Du willst also Deinen Geburtstag zu einem Fastnachtsscherz gestalten. Ich finde den Gedanken sehr schön, bis auf das zu befürchtende Glatteis nach Oberschönbrunn hinauf. Hier ist es jedenfalls meist gefährlich. Grüße dort oben herzlich und freue Dich der "Gleichgesinnten."
Ob nun diese Zeilen noch rechtzeitig ankommen? Gestern konnte ich nicht schreiben, weil ich total erschöpft war (was ich trotz Schlafens bis 9 noch bin.) Das kleine Symbol des Gedenkens, ein in seiner 1. Hälfte sehr guter siebenbürgischer Roman, kommt sicher nicht vor Deiner auf 10 Uhr taxierten Abreise an.
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Aber "gleichviel" wie es mit dem Brief glückt, meine Gedanken sind in besonderer Wärme bei Dir, und ich bin unserer Gemeinschaft über Raum und Zeit hinaus gewiß. An den gemeinsamen Festtagen drängt sich der Gehalt unsagbar reicher Jahre in ein einziges großes Bild zusammen. Wie es auch komme: wir haben für einander und miteinander nicht umsonst gelebt. Ein Stückchen besserer Zukunft hofft man trotzdem immer noch. Ich wünsche Dir eine feste Gesundheit und innerlich standhaltende Kraft; mir ein häufigeres Sehen - denn das wundervolle Bild von der Reichenau, das mir der heimgekehrte Hr. Seitz geschickt hat, das hat mich doch wehmütig gestimmt. Mögen auf Kampfjahre wieder Friedensjahre kommen - ohne faulen Frieden in der deutschen Welt.
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Es wäre viel zu erzählen, auch Verdrießlichkeiten (man geht nun auch an die Akademie heran, Kündigung von Brosius, latente Aktion gegen die Erziehung, offene gegen Litt, der Mißerfolg des Jenaer Freundes und tägliche Kleinigkeiten, die Sorge machen.) Ich berichte nur über die Hauptdaten: Sonnabend 15.II. waren wir im Baumschulenweg zu der Trauerfeier für den armen Eckart Jacobi, nachher ganz kurz mit Brosius in Grünau. Am Sonntag Nachm. bei furchtbarem Wetter in Potsdam bei Glasenapps, aber ohne Seitz, der wegen einer Erkrankung seiner hochbetagten Schwester sogleich nach Karlsruhe gemußt hatte. - Dienstag war das Ehepaar Otto aus Prag zu Mittag bei uns. Mittwoch war der 2. Redakteur der Köln. Zeitung bei mir, nachher Mittwochsgesellschaft bei Wiegand. Donnerstag besuchte ich spät einen ertraglosen wehrwissenschaftlichen Vortrag. - Freitag war vorm. Vorlesung,
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| Nachm. Seminarschluß, abends um 8 präsidierte ich i. V. für Hartmann einen Vortrag von Planck (jetzt einem der bestverfemten Männer in Deutschland) über "Willensfreiheit" - nun ja: sehr physikalisch. Dann saß ich noch bis 12 an der Vorbereitung von 2 Stunden über Kants K. d. U., die ich gestern als Schluß eingelegt habe.
Ein ganz nüchtern sachliches Kolleg über Kant hatte bis zuletzt fast 200 Hörer, und sogar in den eingelegten Stunden noch 100! In der "Psychologie der Lebensalter" habe ich mit mehr Teilnehmern aufgehört, als bei Beginn da waren. Nur im Seminar ging es etwas lahm. - Gestern Nachm. war ich schon total kaputt. Abends fand aber noch eine Studentengesellschaft statt; wir waren wieder 14 Personen. Es ging ein bißchen schwer, hat aber doch wohl den Eingeladenen Freude gemacht.
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Frau Witting hat eigenhändig 6 Seiten über die Olympiade geschrieben. Mein Versuch, 2 Mädchen aus den Philippinen an die Kattenhorner zu empfehlen, scheint zu glücken.
Die Vorkorrespondenzen für die große Reise kosten mich viel Mühe. Die Zeiten liegen einigermaßen fest:
Ankunft in Wien am 2.III. mittags.
Hôtel Impérial.
Abfahrt von Wien am 6.III. nachm.
(Einladung zu Hrn. v. Papen für 5.III. ist schon da.
Budapest - vermutlich Hôtel Hungaria
sicherer via Oberstudiendirektor Dr. Kemény, Damjanich-u. 52
vom 7. bis 12. abends (hier mit Susanne.)
1. Vortrag: 7.III.
2. Vortrag (Un.) 9.III.
Vortrag in Olmütz 14.III. (Hôtel unbekannt.)
ab 15.III. Prag, Hotel Esplanade.
Zum Schluß vielleicht wenige Tage in Marienbad.
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Zu längeren Briefen wird leider keine Zeit sein. Ich denke mir das Ganze furchtbar anstrengend. Vor allem: wachsen mir 3-4 Vorträge in der flachen Hand??
Das mit der AF. halte ich für überflüssig. Ich sehe nicht, was Du davon hast. Die Beitragszahlungen laufen in infinitum; die Arbeit doch nur sporadisch. Aber Du wirst etwaige "Gründe" besser sehen.
Ev. muß ich Dich später noch wegen Wieblingen bemühen. Das Zimmersche Haus in Weimar kenne ich.
Auf die K. M. sind schon die ersten Antworten da, unter anderem aus Doorn.
Am Mittag kommt vielleicht Frobenius zum Mittagessen zu uns. Morgen Abend habe ich eine Kirchensache.
Nun aber Schluß! Alles Gute auch für Deine Arbeit. Eine schöne Feier in den Bergen wünsche ich. Alles Liebe und Treue von
Deinem
Eduard.

[li. Rand] In Wien sehe ich Lore u. Frau Köstbacher.