Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. März 1936 (Olmütz/Hotel Post)


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Olmütz, Hotel Post
(bis Sonntag.)
den 13. März 36.
Mein innig Geliebtes!
Wir sind vor 4 Stunden todmüde von Budapests Genüssen und Ehrungen hier eingetroffen. Deinen lieben Brief habe ich dort beglückt erhalten. Ich gedenke der Reichenaustille und des Friedens - in dem wir sonst reisten.
Hier die Hauptereignisse: Mit Schlafwagen in Wien am 2. März angekommen. An der Bahn Lore, mit der ich zu Mittag aß. Die Mittagsruhe duch 3 Telephonanrufe unterbrochen; so ging es 3 Tage lang. Auch das Photographieren. 2 Stunden Interviews mit 7 Journalisten und 1 Journalistin. Auf die Zeitungsberichte kamen dann Briefe, u. a. vom rumänischen Gesandten. Um 7. war ich bei Meister (Päd.) auf seinem Seminar. Abends gelang es mir allein zu bleiben.
Dienstag 3. März Karten abgegeben bei österr. Staatssekretär des Unterrichts, Gräfin Thurn - im Photograph. Atelier. - Dann deutsche
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| Gesandtschaft, wo mich Prinz Erbach-Schönberg (nicht Erbach-Erbach) freundlich empfing u. beriet. Ich sprach mit ihm v. Erbach. Herr v. P. blieb die ganze Zeit in Berlin. Mittag aß ich mit der Köstlbacherin in einem Lokal am Stefansdom, wo ich schon 1917 gewesen war. Dann Vorbereitung, während vor m. Tür getischlert wurde.
Vor dem Vortrag kamen in das Künstlerzimmer Bühler (mit Vorsichtsmahnungen nach rechts) Legationssekretär v. Nostitz (dgl. nach links hin.) Anwesend 600, davon 100 stehend. Vortrag gelang sehr gut. Entscheidender Erfolg. Hinterher Begrüßungen (u. a. v. Srbik). Die Prinzessin Erbach chauffierte mich persönlich zu Meißl u. Schadn, wo kleines Essen. (u. a. Othmar Spann, Eibl, Baron Löwenthal, Frau v. Wieser, ein Vertreter des öst. Unterrichtsministeriums, der als m. früherer Hörer auf mich sprach.) Ich saß zwischen dem Prinzen Erbach und dem Rektor Menghin. An Nichtariern fehlte es nicht.
Mittwoch früh ging ich mit der K. in den Prater, fast bis zur Donau, war
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| dann im Rathauskeller mit den Kollegen Reininger u. Hirsch v. Meister eingeladen. Nachm. besuchte mich cand med. O<Rest unleserlich> Schwarz aus Hermannstadt. Abends hörte ich ½ Zigeunerbaron in der Loge des Uniterrichtsministeriums, war dann mit Aristokraten, Professoren und Jesuiten bei der Gräfin Thurn-Valsassina zum Tee. Meist erst nach 12 Schluß.
Donnerstag Besuch eines Jugendführers aus Steiermark, der mir 2¼ Std. Vortrag hielt. Um ½ 2 Frühstück auf der Gesandtschaft, saß zwischen Archivdirektor u. Museendirektor. Dann Abschied v. der K.in, die eine feine Frau ist. Nun mit Lore nach Grinzing u. zu Fuß auf den Kobenzl, von wo man das Lichtermeer v. Wien sieht. Ein schönes, reizvolles Zusammensein.
Freitag noch einmal auf der Gesandtschaft. Allen Lockungen der Charlotte Bühler erfolgreich entgangen. Devisenprobleme. Lore war an der Bahn. 4 Stunden Fahrt nach Budapest.
Dort incognito; ging durch die Straßen, blieb 3 Stunden am Westbhf., ließ mich aus langer Weile graphologisch beurteilen. Um ½ 12 kam Susanne an, freute sich unsres herrlichen Donauzimmers u. der prächtigen Blumen.
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Sonnabend früh kam der Präsident des Ung. Kultusbundes Archäolog Hekler. Dann gaben wir unsre Karten ab beim Minister Homann, auf der Burg in Ofen bei Erzherzog Joseph, der 3 Tage später zum Präsid. d. Akad. gewählt wurde, bei dem alten Präs., beim Gesandten v. Mackensen u. wurden vom Rektor Kornis freundlich empfangen. Mittagessen im Hotel. Dann stille Vorbereitung.
1. Vortrag im Saal der Akademie. Anwesend der alte Erzherzog Joseph in Uniform, der Minister Homann, Frau v. Mackensen (er durch die wichtigen Dinge beide Male verhindert.) Furchtbare Hitze im Saal, 200 saßen, 150 standen. Kollege v. Brandenstein begrüßte mich sehr lieb. Der Vortrag litt etwas darunter, daß der Erzherzog nur genau 60 Min. bleibt. Aber er blieb, trotz Hitze. Der Eindruck war auch hier stark. Nicht so stark wie in Wien, da dort die Probleme brennender. Nachher kl. Essen im Hotel Hungaria, wo auch Vertreter der kath. Jugend erschienen. Ich saß zwischen Frau Hekler u. Frau v. Geist (sehr liebenswürdige alte Dame.) Auch hier ewiges photographieren; man mußte die Dinger dann gleich teuer kaufen. (folgen später.)
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Sonntag früh mit Kemény, Direktor Gyulai (Päd.) u. Prohaska in Gemäldegalerie (Munkaczy) dann bei Heklers, dann zum Mittagessen in neuer hochgelegener Villa bei Rektor Kornis, der doch schwer deutsch spricht. Susannes u. Frau Heklers Anwesenheit störten doch den Stil (Kornis ist Piarist.) Kurze Ruhe. Abends bei Kemenys, wo wieder Kornis (opfervoll) anwesend.
Montag mußte ich den Vortrag für die Universität, den ich gelesen habe, umbauen. Dann jagten wir mit dem Auto um Karten abzugeben auf den Ofner Berg, zum jungen Erzherzog Joseph Franz. Zufällig trafen wir sie im Garten. Sie sprach sehr reizend ein paar Worte mit uns. Vortrag in der Universität: links vom Vortragspult viele Professoren, rechts nur der Erzherzog u. Gemahlin, in erster Reihe die Vertreter des Herrn v. Mackensen u. Susanne, die von der akad. Jugend ein herrl. Bukett mit ung. Farben erhielt. Um 2 Frühstück bei Mackensen, Susanne saß auf s. einen Seite, auf der anderen die Gräfin Klebelsberg. Ich saß neben Frau v. Mackensen (geb. Neurath), mit der ich mich wieder sehr gut unterhielt (ist ganz entzückend einfach.) Am selben Abend flogen beide noch nach Venedig.
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| Zum 1. Mal allein gingen wir auf die Zitadelle, dort trank ich einen gehörigen Posten Ungarnwein, schlief dann wie ein Dachs. Abends bei Frau v. Geist in sehr angenehmer Unterhaltung.
Mittwoch Dienstag in 3 Schulen, in der reichsdeutschen auffallend formloser Empfang, verglichen mit den ungarischen, die am nächsten Tag Dankgeschenke sandten. Mittags ganz allein bei Brandensteins. Nachm. ein bißchen frei - gingen an der Donau entlang; abends müde zu Hause, bei Zigeunermusik.
Mittwoch (das schwerste Stück!) fast 2½ Stunden Führung im Nationalmuseum, dann Besuch der Krönungskirche u. der Burg in Ofen. Rein tot zu Hause angekommen. Devisengeschäfte schwierig. Abends in Ofener Lokal mit Zigeunermusik.
Donnerstag: Abschiedsbesuche (Kornis, weil sehr beschäftigt, kam zu uns.) Um 2 Abfahrt, bis an die Bahn geleitet. An der ung. Grenze gingen wir noch in das Dorf Szob an der Donau, fuhren mit Personenzug bis Preßburg, wo wir übernachteten. Fahrt durch Umsteigen mühsam. Heut früh 1 Stde
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| durch Preßburg [über der Zeile] bis Donau, schön! gerannt. Dann mit 2maligem Umsteigen hierher. Wir sind nun in der einfachen Provinz u. hoffen, es 1½ Tage ruhiger zu haben. Morgen hier Vortrag über die Lebensalter; dann Prag mit 2 Vorträgen - einer bei den Tschechen - hoffe Eisenlohr zu sehen u. wegen Kindermann (?) zu befragen.) Hoffentlich können wir Mittwoch für wenige stille Tage nach Marienbad. Die Last des Ruhmes ist spürbar. Die rührende Freundschaft der wirklich lieben ungarischen Freunde war doch sehr anstrengend - und billig wird so etwas trotz der üppigen Gastfreundschaft auch nicht.
Ich muß nun abbrechen. Ich wünsche sehr, daß Hermanns Angelegenheit ohne Folgen bliebe. Gedenke Dein in Liebe u. grüße Dich innigst. Auch Susanne.
Dein
Eduard.