Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4./5. April 1936 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 4. April 36.
Mein innig Geliebtes!
Dank für 2 liebe Briefe, vom 25. und 28. III. Unter den im ganzen günstigen Nachrichten findet sich nur der mich betrübende Bericht über den Anfall vom Aussetzen des Bewußtseins; schon beim ersten Mal habe ich mir das nicht ganz zurechtlegen können. Ist es so ein "Dabeisein, ohne Dabeizusein"? Dann kenne ich es auch, als eine Anwandlung von Psychasthenie. Es geht mir so, wenn ich über belebte Fahrstraßen gehen soll und sehr müde bin; ich wage mich dann nicht vor, weil das Bewußtsein (für diese Aktion) nicht wach genug ist. Aber eigentlich ist es nur eine "Dumpfheit." Ja - wir lernen nun das nahende Alter successive kennen. Und
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| wenn es bald wieder auf der Reichenau blüht, dann dürfen wir nicht dabei sein; aber wir tragen die Früchte der Erinnerungen. Seltsam, daß Fruchttragen doch mit Wehmut verbunden ist. - Ich sähe auch den alten Welte gern noch einmal.
Hier sende ich Dir nun allerhand Reiserelikten und anderes zur Ansicht; ich werde die Bilder morgen noch durch beigelegte Zettel etwas erläutern.
Seit ich hier bin, ist schon wieder viel Bewegung gewesen (nicht nur drum rum - daran hat es ja wirklich nicht gefehlt.) Am vorigen Donnerstag war ich an 2 Amtsstellen wegen der östl. Angelegenheit. Freitag u. Sonnabend war ich in Weimar. (G.G.) Auf der Hinfahrt blieb ich 1 ½ Stunden mit Litt im Rosenthal zusammen. Da habe ich etwas Hübsches erlebt: die Eichhörnchen kamen auf den Weg und bettelten. Eines kroch mir bis zur Überziehertasche hinauf! Nicht so
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| hübsch die Stimmung meines Begleiters. Absolut pessimistisch. "Ich bin es leid". Er hat den élan zum Kampf völlig verloren. Im Personenzug erlebte ich die Schreckminute. - Am Sonnabend besuchte ich das Ehepaar Kirmß, die ich beide in bester Verfassung fand. Ich fuhr mit Petersen nach Berlin zurück.
An einem Vormittag kam einmal jemand zu mir, der mir Nachricht von einem Mann mit sehr berühmtem Namen brachte. Du erinnerst Dich der Vermittlung 1933 (Bot. Garten.) Die Lage schien man in diesen Gegenden sehr ungünstig zu beurteilen. Ich denke anders. Aber ich möchte doch für unvermutete Entwicklungen sagen: wird es kritisch, packe einen Koffer u. komm zu uns.
Die Vorlesungen habe ich am Donnerstag begonnen. Päd. (Geschichte Teil I) - immer schwach besucht, diesmal doch Rekord nach unten. ca. 50 Leute!! Am Freitag um 9 begann ich "Philos. d. Gesch. als Selbstkritik der Kultur im Zeitraum v. 1750-1918. Da waren wohl über 150, die mich mit langer
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| betonter Sympathiekundgebung empfingen. In der gleich folgenden 2. Stunde der 1. Vorlesung waren dann auch 70. Anmeldung zum Seminar: 20 % Ostasien, ein spanischer Jesuit, ein Luxemburger, ein Schweizer, allerhand Gewürm - aber bisher höchstens 5 reguläre Studenten. So ist es nun in Berlin.
Im Hause völliger Wechsel des Bildes. Strasens sind fort, die tüchtige Lonny ist fort. Für die ersten noch kein Ersatz, da hier mit Sorgfalt gesucht werden muß. Das neue Mädchen Hedwig läßt sich hoffnungsvoll an; vorläufig heizt sie auch; denn es ist wieder kalt geworden. Und all dies Fremde wirkt natürlich auch kalt. Der Besuch von Leuten, die etwas wollen, hat wieder sehr zugenommen. Jeden Tag kommen 2 oder 3. Die Akademiefunktionen machen viel Arbeit und Ärger. Immer noch habe ich den Kopf voll von lauter kleinem Zeug, das besorgt werden will. Am Mittwoch 8. IV. ist bei mir die Mittwochsgesellschaft. Am Donnerstag kommen
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| wohl 3 Ottos aus Prag - vielleicht auch Christian Biermann. Am gleichen Tage soll ich Zeuge im Ogerprozeß sein. Für Ostern ist vorläufig noch nichts Besonderes, - Gott sei Dank, da ja in den Ferien vieles liegen geblieben ist.
Alles, was ich in 3 Unterredungen über den östlichen Plan gehört habe, stimmt dafür. Ich möchte annehmen. Eigentlich warte ich nur noch auf das Herkommen unseres Botschafters, mit dem zusammen mich Kirmß 1897 eingesegnet hat. Ich würde nur für 1 Jahr akkordieren. Es gibt nur eins, was mir ganz schwer wird (ein Symptom der Gelöstheit unsrer Existenz), daß ich dann nämlich Dich auf ein Jahr nicht sehen könnte. Wenn Du dies uns gemeinsame Opfer mittragen könntest, würde ich ja sagen. Ich bitte um Deine Äußerung. Das contra ist ja unausgesprochen klar. Aber: hier ist nichts zu versäumen. Im Osten könnte ich viel für Deutschland leisten u. für mich lernen.
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Die Köstlbacherin lebt in Wels (Oberösterreich) u. ist eine Bewunderin meiner Schriften, mit der ich seit ca 4 Jahren korrespondiere. In Wien habe ich sie zuerst gesehen.
Piaristen - ein kathol. Lehrorden.
Der Leisetreter: das Gericht hat das erste gerichtliche Urteil nicht aufgehoben.
Da es in die Zeit meiner Abreise fiel, habe ich wohl nicht mitgeteilt, daß Erika einen Sohn bekommen hat. Adalbert, anscheinend im anderen Lager, schweigt völlig.
Das Sich-nicht-sehen können ist deshalb so dreifach schwer, weil ja auch der briefliche Austausch entwertet ist. Man schreibt ja nur noch Arabesken.
Die Reise würde vermutlich Mitte September beginnen, und zum W.S. 1937/8 wäre ich wieder da. B-l-r ist in diesem Semester beurlaubt. Das Fiasko scheint ihn ziemlich desorientiert zu haben.
Louvaris, der Minister, schreibt sehr lieb. Ich bin jetzt immer um 10 schon mehr als müde. Der Aktionsradius verkleinert sich. Um so mehr <re. Rand> sollte man noch etwas lernen. Susanne, trotz ihrer 2 Schwestern, ist dafür. Sie hat viel häusliche Plage, oft auch leibliche Not. Für m. Ordnung zu sorgen glückt ihr nicht. Aber sie hat einen festen Gleichmut, und es ist zwischen uns immer <li. Rand> wie zwischen glücklichen Kindern, ungeachtet des draußen, das ganz anders ist. Ich breche ab. Innigst u. treu
Dein Eduard.

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5. April.
Sonntag früh.
Eben kommt Dein lieber Brief - mit den üblichen Ärgernissen der Leibnizausgabe. Grüße bitte Häblers herzlich.
Im Bericht hatte ich vergessen einen Abend im Harnackhaus, bei dem ich neben Binding u. einem Luftfahrtministerialdirektor saß. Der "Staatsrat" Karl Schmitt war auch da, Schmitt-Ott und mancher aus der alten Welt. Auch m. Oberbürgermeister v. Halle. Nochmals innige Grüße - auch Susanne grüßt herzlich
Dein Eduard.