Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. April 1936 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 20. April 36.
Mein innig Geliebtes!
Es war mir eine Freude, daß Du die Ostertage bei lieben Menschen verleben konntest. Für einen genußreichen Ausflug war es zu früh. Aber man lebt jetzt schwer nur in den 4 Doppelwänden, und was Du in Schönbrunn hast, das eben fehlt uns hier - so daß wir es immer stärker als fehlend empfinden. Die Heimkehr in den stürmischen Winter muß seltsam gewesen sein. Wir hatten nur die Ausläufer davon; aber die waren auch noch recht kräftig.
Ich sende einen kleinen Tagesbericht voran: Vor Ostern war die Mittwochsgesellschaft bei uns, mit Susanne 13. Mein Vortrag (ad Uexküll und mit dem metaphysischen Problem des Goetheaufsatzes) fand starkes Interesse Zum ersten Mal waren bei uns der Minister Popitz, Pinder und der ehemalige Rektor Fischer, ein ziemlich gläubiger Thomas. Am
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| folgenden Abend kamen Ernst Otto u. Frau aus Prag, - immer angenehm. Karfreitag machten wir eine Tagestour nach Rehbrücke, Ravensbergen, Potsdam, wo ich in der Orangerie noch den Kameraden Weise besuchte. Ostersonntag waren 3 Frankes bei uns zum Tee (jetzt in der Schweiz.) Sonst wurde gearbeitet.
Als Zeuge war ich im Ogerprozeß geladen, auch zur Stelle, es kam dann aber zu einem Vergleich, der sofort wieder in Frage gestellt wurde. Ostersonnabend Abend waren Laportes bei uns, mit denen wir moralisch harmonieren.
Osterdienstag gingen die Vorlesungen weiter. Ich habe am Freitag darauf in der phil. Vorlesung ein ungewöhnlich volles Haus gehabt, das ich mir herangepredigt habe. Denn - das spricht auch mit - beide neuen Götter haben Urlaub. B. aus unbekannten, aber viel beredeten Gründen. R. - weil die Sache wohl gen Himmel stank. Im Seminar ca 40 - alle Völker; halb Asien.
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| Die päd. Vorlesung bleibt schwach besucht, noch unter dem Erwarteten.
Mit Deiner Vermutung hinsichtlich Deiner mehrfachen Briefgänge hast Du recht. Er hat auch jetzt nicht geantwortet.
Freitag kam unerwartet Agnes Stück, mit allen Abzeichen geschmückt, die den heutigen Menschen zieren. Sonnabend war Christian Biermann zu Mittag da. An den 3 vorlesungsfreien Tagen Sonnabend - Montag habe ich viel Laufendes erledigt. Zwischendurch wurde auch ein Aufsatz für die "Erziehung" geschrieben.
Das neue Mädchen ist ebenso ordentlich wie nicht herzgewinnend. Für "unten" scheint endlich heut ein Tischler mit Frau und 2 Töchtern (10 u. 13) in Aussicht zu stehen.
Die große Anfrage ist mit Ja beantwortet. Dahinter liegt natürlich die große Zeitfrage. Es ist sehr schmerzlich, daß man sich nie das Wichtigste schreiben kann. Aber wir gehen wohl im stillen d'accord.
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Wenn jemand ein großes Geschäft aufmacht u. zunächst einen ungeheuren Zulauf, also entsprechende Einnahmen hat - wie die Warenhäuser mein solides väterliches Geschäft tot gemacht haben - dann fragt man sich natürlich, ob der Weg und das Ziel nicht doch richtig waren. Aber die Verkaufsmethoden ......
Mein Vater und wir gehören wohl zu einer früheren Zeit. Wir sind deshalb nicht schlecht.
Wo liegt die endgiltige Bilanz?
Es geht eben alles über die Seele hinweg. Aber diejenigen, die die sündige Seele ausschalten - das sind auch nicht meine Leute. "Können wir noch Christen sein" - so, glaube ich, schrieb vor Jahren einmal Eucken. Und wir können es nur mit so viel Einschränkungen - Einschränkungen mit Bezug auf den Mythos - daß es problematisch wird, ob man uns will, die wir doch eben à la Rousseau (cf. mein Kolleg:) innerste Gewißheiten im Historischen
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| wiederfinden oder hineinsehen.
All die Not, die wir durchmachen, empfinde ich am stärksten, wenn ich sehe, wie die Menschen ringsum sind und sein können. Manchmal endet da meine Psychologie. Giese, Rodiek, Lampert, Marg. Thümmel, u.s.w. Dann wieder sage ich mir: Herr, vergib ihnen ....... Wer steht nun da, wo er absolut stehen soll? Müssen die nicht da stehen, wo sie stehen, weil sie so unkompliziert oder widerstandslos sind? Ist heut Raum für komplizierte Menschen? Aber müssen nicht auch die Komplizierten durchhalten, damit etwas Höheres in der Welt nicht verloren gehe? Unter anderem auch in der deutschen Welt? Volk ist ja auch ein Hühnervolk. In summa: ich kann nicht und ich will nicht und ich darf nicht. Und somit also - was niemals gesagt werden darf - der Osten, das freiwillige Exil auf Zeit - auf Zeit - auf welche Zeit? Führen wir nicht den König Lear auf? Muß nicht eine
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| gesunde Generation unter Psychopathen wahnsinnig werden? Ist es nicht eine noble Art des letzten Widerstandes, - auch wahnsinnig zu werden? Nobel deshalb, weil es noch ein letzter Dienst am Irdisch-Allgemeinen ist, während man ja auch versuchen könnte, so zu tun, als ob "man es nicht wäre" und in jene Höhen zu entfliehen, die gewiß einmal unter ähnlichen Umständen die Stoa oder das Christentum im kaiserlichen Rom suchen mußten? - Herr Kollege: was ist der Mensch?
So fragte auch Pestalozzi, und er gab sich Mühe, ihn zu formen. Ich bin da, leider, noch nicht. Wo kann ich ihn denn packen? Die heutigen Studenten z. B. verstehen noch nicht einmal einen lebensüberlegenen Witz. Man sagt, sie spürten, was ein gemeiner und unwissender Dozent sei. (R.)
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| Nun gut - dies wäre eine Hoffnung. Aber in J. kann man den Menschen vielleicht sagen: Nicht ihr und nicht wir stehen in Frage - so wenig wie Kimono und Frack - sondern die menschliche Seele, die mit der Welt ringt.
Ob Hermine Kleiser nun verheiratet ist? - - Erika habe ich zu Weihnachten und zu Ostern um baldige Nachricht gebeten, immer ohne [über der Zeile] schnellen Erfolg. Adalbert, der Assessor und Vater - nie mehr einen Ton. Und so viele andere. Nur vom Ausland klingt Wärme, Verstehen - z. B. Zollinger, Müller, Kemeny, Köstlbacher - gehört man nun eigentlich zu seinem Volk? Soll man betteln gehen um Nähe? Hat man in Deutschland für Seelisches nicht mehr Zeit, nicht mehr Mut, nicht mehr .....
J'accuse. Und man klagt nicht die nachgeordneten Instanzen an. Warum
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| klagt man an? Ich prüfe mich ernstlich: ist es gekränkter Ehrgeiz? Aber da oben sein, will ich nicht. Das Haus besteht, das Geld reicht, man läßt mich z. Z. in Ruhe; und es gäbe für mich nur eine Gefahr, wenn Baldur würbe oder die Rose ..... Bündnis suchte! Das ist es doch nicht. Es ist das innerste Nichtkönnen. Um des deutschen Volkes willen nichtkönnen. Werdet stumm wie die Fische. Andere konnten noch gegen W. II., wir aber - "hängen heraus."
Es ist so: Feststehen ist das einzige, mit dem man dienen kann. Auch der Irrende, der feststeht, tut Gutes gegenüber dem, der mitläuft. Es muß in Deutschland noch trigonometrische Punkte geben.
Susanne ist in Gefahr, im häuslichen Bestreben kleine Pflichten dem gemeinsam Brennenden voranzustellen. Darin gleicht sie mir. Ich habe immer nur zu sehr dem kleinen Druck gedient. Dies Preußentum müssen wir überwinden. Für J. - sagt sie - ist sie innerlich froh. Gottlob. Sonst wäre es sehr schwer.
Eiliger Schluß: Innig, ewig Dein
E.