Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. April 1936 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 29. April 36.
Nur einen kurzen Gruß, mein innig Geliebtes! Ich sehe Dich mit den lieben alten Briefen beschäftigt. Man kann solche Dokumente nur lesen, wenn man selbst schon älter geworden ist - vom Leben distanziert sein Inneres ganz gewonnen hat. Ich möchte Dich bitten, mich dann daran teilnehmen zu lassen, wenn ich einmal einige wirklich gesammelte Stunden habe. Im Juli wäre dies gewiß der Fall; vorher scheint es so bewegt zu bleiben, wie jetzt, wo der Kleinkram mich immer wieder überwältigt. Auch Susanne kommt jetzt kaum noch durch. Zum Organisieren ist sie übrigens nicht geboren.
Was die Beauftragung Görings bedeutet, wird verschieden ausgelegt. In jedem Fall kann es nicht schaden, notwendige sachliche Anschaffungen sehr bald zu machen. Die Devaluation spukt doch immer.
Falls Hermine verheiratet ist, lebt sie in der Nähe von Bonndorf. Aber niemand weiß direkt etwas von ihr, auch Frl. Dr. Dorer nicht.
Frau Witting hat eine neue Attacke
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| durchgemacht. Sie vollendete einen Brief an mich im Liegen mit Schriftzügen, die sehr bedenklich stimmten; denn es schien mehr als Unfähigkeit der Hand zu sein; (wie beim Vorstand nach einem Schlaganfall.) Aber Felizitas schrieb nach einigen Tagen einen etwas hoffnungsvoll klingenden Brief. Und so möge es dann noch einmal sein!
Ich habe am vorigen Dienstag in der Goethegesellschaft einer Vorlesung v. Molos präsidiert (am Pr.-Eugen-Gedenktage aus einem Roman über ihn; die Proklamation ließ doch weitgehende Schlüsse auf unsre Absichten in der oesterr. Sache zu!) und gestern einen Plaudervortrag v. Uexkülls in der Deutschen Philos. Gesellschaft. Sonnabend hatte ich eine interessante u. angenehme Unterredung mit Eugen Diesel (Einigkeit.) Sonntag waren wir am Hügel v. Riehl (27.IV.) u. trafen dann ganz zufällig Frau Felix Krueger. Sie entkräftete das tags zuvor gehörte Gerücht, daß er nach s. schweren Konflikt mit der Studentenschaft emeritiert sei (vielmehr rehabilitiert.) Litt, der noch "schwebt", schreibt dagegen heut, daß Delekat abgesetzt sei. Der hat nun allerdings schwere Husarenritte gewagt!
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Die eine Vorlesung ist stark besucht u. wird mit sichtbarer Bewegung angehört. Das Seminar mit 50! (aus aller Herren Ländern) kommt kaum in Gang, weil es immer ausfällt.
Gestern hat sich mein Tokioer Sekretär Dr. Donat bei mir vorgestellt; Pg. - angenehmer Eindruck. Mitte September wird die Reise nun wohl losgehen, wenn nicht anderes losgeht.
"Einem Gerücht zufolge" ist Rieffert erledigt. Und mit B. muß auch irgend etwas los sein. So sind also der wahrhaft "eklige alte" Hartmann und ich wieder unter uns.
Von Hans Günther soll ich Dich besonders grüßen.
Mit Sauerbruch hatte ich in der letzten Mittwochsgesellschaft eine interessante längere Unterhaltung. Übereinstimmung auch da, während Pinder in Künstlerfarben sieht.
Daß Agnes Stück da war u. tags darauf Christian schrieb ich wohl schon.
Unten im Keller wird das Fenster der Seite zu Hertz eben verbreitert. Am Montag zieht der Tischler Henning vom Museum gegenüber mit Frau u. 2 Töchtern ein (10 u. 13.) Susanne hat alle Hände voll zu tun; dabei läßt sie manchmal etwas
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| fallen.
Das Festprogramm ist ja gewaltig. Für die Engländer bedeutet dies: Etsch, siestewoll?? Aber dabei sein möchte ich nicht, am wenigsten bei dem Kriecksvortrag.
Ich breche für heut ab und bin
mit innigen Grüßen
Dein
Eduard.