Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8./9. Mai 1936 (Berlin)


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8.V.36.
Mein innig Geliebtes!
Ich fange hier an, in jenem Zustand der Überreizung, der nicht Wachheit und nicht Schläfrigkeit ist - in dem man mit sich nichts anzufangen weiß. Susanne bringt eben die dritte Flasche und behauptet, daß sie die leeren im Schrank versteckt, damit mein Konsum nicht bemerkt wird. Man muß nur wissen, daß dieser Wein Wasser ist, daß die 2. Flasche ½ Glas enthielt und die dritte kaum berührt wird. Immerhin wird es gut sein, sich beim "heißen Reiswein" Japans von manchem zu "entwöhnen", was aus einer zu einförmigen Lebensweise in den letzten 3 "Entbehrungsjahren" entstanden ist.
"Ja, lieber Herr Kollege, was ist das Leben?" - Ich erinnere mich dieses Bonmots oft und verstehe
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| noch immer diejenigen nicht, die da sagen, das Leben seien die Chromosomen als Erbgutträger und wir nur die derzeitigen Nutznießer. Das Christentum, wie es Hegel verstanden hat, trägt dem überindividuellen Gang der Dinge gewiß Rechnung; aber es hat auch die Einsicht, daß wir eben innerhalb der Spanne dieses unseres bewußten Lebens mit all dem Kram fertig werden müssen, der gerade nun in unser Erleben fällt, und daß wir damit doch kämpfen nicht als bloße Verwalter, sondern als "Aushalter", d. h. als die Aushaltenden. Es ist so schwer, immer auszuhalten, am schwersten ist manchmal das ganz individuelle auszuhalten: das Ich und Du, in seinem Sichanziehen und Sichabstoßen. Darüber habe ich vor 6 Monaten eine Skizze geschrieben, die die Rumänen für eine Gustifestschrift haben sollten. Aber sie kommt nicht. Deshalb werde ich Dir die Ketzerei wohl einmal schicken, die den Titel führt: "Die dritte Region." (nämlich zwischen Gott und Staat das
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| ganz intim Persönliche, Heimatliche.) Ich sage nicht gern lobend "modern". Aber ist es nicht seit dem Pietismus "modernes Christentum", daß einem seine eigene innere Lebensgeschichte wichtig wird, sehr viel wichtiger z. B. als der Zustand Europas im Jahre 2000? Da stecken schwere Antinomien. "Ich" gehe nicht auf in "mir", aber ich kann in meinem Lebensverständnis nicht von mir, gerade mir, abstrahieren. Das ist der Sinn des neuesten "Existentialismus", und der hat - in Heidegger - ausdrücklich mit dem N-S. paktiert, woran er <Pfeil, der auf den Namen Heidegger zeigt> dann auch sinngemäß zugrunde gegangen zu sein scheint.
Ich denke also an unsre Lebensgemeinschaft und ihren unausschöpfbaren Grund. Und wenn wir beide stumm geworden wären, würde noch ein Blick der Augen dies alles enthalten.
Sehr verschieden davon ist der große Gang der Dinge. Da zieht sich etwas zusammen, das über die Gewitter und Unwetterzerstörungen im Odenwald hinausgehen
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| wird. Und wir - die wir 1914-18 und alles Folgende irgendwie tragen, überwinden mußten, sollen dies auch noch. -
In der letzten Woche ist nicht viel Belangvolles geschehen. Die trüben Kollegs bedeuten doch einen kleinen Erfolg, weil es in beiden immer ein wenig mehr Zuhörer gibt, nicht weniger. Also "eine Attraktion." Wir haben die 4 freien Tage vom 1. - bis 4. Mai sehr philiströs verbracht. Frl. Knaack war da. Später der Verleger Meiner. Solche Besuche sind ganz nett, aber meistens zu lang. Ich kann mit einem Menschen 3 Stunden reden. Der Besuch bleibt 4 und mehr - das pumpt mich aus. Zu meinem kirchlichen Vortrag war nur der ehemalige Außenminister Simons erschienen - eine Fehlvereinbarung und verfrühte Mühe. Am Mittwoch war ich im Japaninstitut zu einem mäßigen Japanvortrag. Das Schiff geht (normaler Weise) am 15.9. von Genua. Aber bis dahin?? - Was heißt,
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| "wie heißt", ob eine behördliche Genehmigung erforderlich ist, da es doch eben ein behördlicher Auftrag ist? Man hat mich gefragt, nicht ich. Aber man ist ja kaum der besinnungslose direkte Chef, sondern das A.A. Ich bin überzeugt, daß im letzten Augenblick keine Devisen da sein werden. Und so ist das Ganze eine "schwebende Angelegenheit."
Die "dritte Flasche" macht sich doch wohl in der Handschrift bemerkbar (Susanne.) Andre sagen: daß ich heut um 8 in die Stadt gefahren bin, 4 Stunden doziert habe und eben dabei 4 Fahrten von Dahlem nach Berlin bzw. umgekehrt machen mußte. Das ist als Beiwerk zu der sachlichen Leistung viel. Und so ist man wohl müde. (um 22.00.) Übermorgen will ich mich mit Flitner in Ludwigslust treffen. (wegen der "Erziehung", die wir mühsam durchhalten) Nächste Woche kommt Prof. S Hekler. Budapest, dem wir einen Tee geben wollen, und dann der ung. Minister Homann (24.V.), der mich mehr schätzt als man mich hier.
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9.V.36.
Vor 2 Stunden kam Dein lieber Brief. Das muß eine unangenehme Sache gewesen sein, dies Umräumen für die Reparatur, und ich begreife Deine Müdigkeit. Darüber klagen aber auch in normalen Verhältnissen viele Leute, über die übliche Frühjahrsmüdigkeit hinaus, Susanne an der Spitze. Ich hoffe, daß sie wieder mehr zur direkten Hilfe für mich kommt; denn die Tischlers mit ihren 2 Töchtern, die nett sein sollen, die ich aber noch nicht gesehen habe, sind nun da. Und die "Hedwig" ist auch im Gange. Mir geht es mit Susanne wie in der oft erzählten Geschichte: "sie hat aber so garkeine geistigen Interessen." Das wäre übertrieben. Es liegt in der Natur des Haushalts, daß er absorbiert, und die Frau muß lernen, sich vom kleinen Zeug freizuhalten. Für meine Person habe ich das bis heut nicht gelernt. Und deshalb gestatte ich nichts mehr, obwohl
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| im Innern doch noch manches klingt. Ich gehe den hilfsbedürftigen Naturen, die aussichtslos sind, zu viel nach; Susanne den hilfsbedürftigen sachlichen Aufgaben.
Die unsagbare Verworrenheit der persönlichen Verhältnisse bei der Leibnizausgabe ist der spürbarste Pfahl in meinem Fleisch. Ich möchte das dem Nachfolger, vermutlich dem "alten ekligen" Nicolai, besser übergeben als es mir der treue, gute Freund leider hinterlassen hat.
Fritz Klein und Spengler sind nun beide auch dahin. Von beiden hatte ich vor wenigen Wochen noch einen Brief.
Für Hekler geben wir am 16.5. einen Herrentee. Bis dahin hätte ich gern die ungarischen Sachen von Dir zurück. Am 11.V. sind Dr. Donat (Tokio) und Frau bei uns zum Abend. Am 14. redet Hekler in der Un., am 15. ich in der Staatswiss. Gesellschaft. Am 18.V. habe ich Vortrag zur Vorbereitung der Oxforder
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| Kirchenkonferenz, am 19.V. Hauptversammlung der Ortsgruppe der Goethegesellschaft im Harnackhaus, am 20.V. Mittwochsgesellschaft, am 27.V. Referat im Kirchlichen Männerabend Dahlem. Im Juni sind auch schon die meisten Tage besetzt. Dabei aber allerhand Dissertationen, Prüfungen u. natürlich die laufende Vorbereitung.
Oeconomica publica sollen recht bedrohlich stehen. Ich halte aber die europäische Gesamtsituation für noch bedenklicher. Es sei denn, daß England seine unerhörte Niederlage einfach als fait accompli hinnimmt. Das würde aber heißen, daß sich eine absolut andere Weltkonstellation herausarbeitet, deren Konsequenzen für uns niemand übersehen kann. In Austriacis waren wir wieder höchst unvorsichtig. Offiziell warten wir anscheinend ab.
Morgen 8.30 muß ich vom Lehrter Bhf. abfahren. Viele innige Wünsche und Grüße¹)!
Stets Dein Eduard

[Fuß] ¹) auch v. Susanne natürlich.