Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Mai 1936 (Berlin/Dahlem)


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<Belichtungslücke auf S. 2, Abs. 2, jeweils am Anfang der ersten 4 Zeilen>
Dahlem, den 30. Mai 36.
Mein innig Geliebtes!
Wenn die Post freundlich ist, kommt mein Pfingstgruß gerade noch zurecht. Deine "geistvolle" Sendung ist schon da. Sie ist sehr passend. Denn wer Liqueur hat ......... .
Ich habe lange nicht schreiben können. Eigentlich solltest Du heut vor 8 Tagen eine Ansichtskarte aus Freienwalde bekommen. Aber ich folgte einem Rat v. Susanne hinsichtlich des Weges, was ein Verlaufen von ¾ Stunden zur Folge hatte, und so waren wir von Mittag an schon übermüdet. Der freie Tag rächte sich durch Zeitknappheit hinterdrein. Montag und Dienstag 4-8 Staatsexamen. Mittwoch (außer 3 Stunden Sprechstunde) ein Vortrag mit Diskussion im Kirchlichen Männerabend (Röhricht.) [über der Zeile] Donnerstag Vormittags das Theater für Hóman im Kostüm alter Zeit; abends Bierabend im Collegium Hungarium,
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| bei dem der ung. Minister bis 11 nicht erschienen war. (den anderen habe ich nicht gesehen.) Gestern außer den üblichen 2 Stunden Vorles. u. 2 Stunden Seminar abends Staatswiss. Gesellschaft. Nun bin ich eigentlich müde für 5 Tage Pfingstferien; aber es gibt garkeine. Marianne wird heute u. morgen bei uns sein.
Meine Müdigkeit, ich muß schon beinahe sagen: mein unnormales u. spannungsloses Befinden ist in der letzten Zeit so groß geworden, daß ich glaube: wir nehmen uns darin nichts. Seit vorgestern nehme ich auf briefliches Rezept von Kurzrock Phytin. Ich spüre sofort eine leichte Besserung; stelle anheim, es damit einmal zu versuchen. Daß wir beide eben "Blutdruck" haben (ohne ihn zu messen), ist wohl sicher.
Zum Mitgehen nach Japan haben sich schon ganze Kolonnen gemeldet. Natürlich kommt niemand in Betracht. (So war z. B. der Vater u. die Frau meines Danziger Freundes bei mir.) Für Cläre Fürst ist das auch nichts. Denn die einheimische Medizin in Japan steht hoch. Ich kann ihr auf
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| Grund von Erfahrung nicht raten, male mir aber aus, daß sie durch Vermittlung einer Missionsgesellschaft in die Kolonien könnte. Falls von Stambul etwas Hoffnungsvolles kommt, könnte ich nachhelfen. Ich soll für dort einem Philosophen beschaffen; seit Tagen verhandle ich mit befreundeten Bürokraten wegen eines Jenaer Herrn vertraulich. Aber alle haben Angst. Und so werde ich nur einen Nichtarier nennen können.
In der japan. Angelegenheit ist offiziell nur die Anfrage wegen m. Vertretung gekommen. Den Botschafter v. Dircksen habe ich noch nicht erreichen können. Susanne hat aber schon die Kabine bestellt, jetzt für einen späteren Dampfer, Anfang Oktober von Genua. Die Zeitungsnachrichten breiten sich langsam unter den Leuten aus; die Aufnahme u. Deutung ist sehr verschieden. In der Schweiz haben die betr. Notizen z. T. mythische Fassungen erhalten.
Seit ich zuletzt geschrieben habe, war ich in Ludwigslust (oder habe ich das schon mitgeteilt.) Dann war Hekler aus Budapest zum Gastvortrag hier. Wir hatten vor 14
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| Tagen für ihn einen kleinen Tee mit Lietzmann, v. Farkas, Wiegand, Eberhard König, Pflug, Wilcken, Gamillscheg; mehr waren nicht zu erreichen. Ich habe in der Staatswiss. Gesellschaft einen (alten) Vortrag gehalten und in einer Studiengesellschaft für die Oxforder Kirchenkonferenz 1937 einen neuen. In der Leibniz-Ausgabe geht der Konflikt unablässig weiter. Er wird wohl im Juni noch vor das Ministerium kommen. Für Brosius habe ich dort wenigstens ein kleines Mitarbeiterstipendium erwirkt.
Louvaris hat meinen Inselgoethe in vornehmer Ausstattung griechisch erscheinen lassen. Und noch etwas Erfreuliches: ich bin in dieser Woche zum Korrespondierenden Mitglied der Wiener Akademie der Wissenschaften gewählt worden.
Der Kollege Oswald aus Ljubljana war zum Mittagessen da, Frl. Silber ließ sich neulich kurz sehen. Am 3.VI. ist in Baumschulenweg Taufe. Und so wäre im einzelnen noch sehr viel zu erzählen. Denn
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| vom inneren Leben ist eigentlich noch nichts gesagt. Das muß nun wohl unterbleiben. Denn heut ist der Tag der geschäftlichen Korrespondenz. Du wirst ja bei Deinen vielen Besuchen, die ich zu grüßen bitte, auch garnicht zum Lesen kommen. Ich sage also nur: obwohl es mir persönlich (hinsichtlich der nicht-offiziellen Anerkennung und im direkten Universitätsbetrieb) ganz ordentlich geht, bin ich verdrießlich. Stöckel, der Nachfolg. v. Bumm, mit dem ich neulich offen sprach, meinte: in 5 Jahren hätte sich die dtsche Wiss. wieder durchgesetzt. Nun ja - mit Gottes, nicht dieser Herren Hilfe. Bei Sauerbruch war ich übrigens auch.
Also viele innige Pfingstwünsche und treueste Grüße.
Stets Dein
Eduard.