Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Juni 1936 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
8.6.36.
Mein innig Geliebtes!
Gestern kurz vor Mitternacht fand ich bei der Rückkehr von Weimar Deinen lieben Brief, dessen Hauptinhalt mich natürlich beunruhigt hat. Ich verstehe den Grund der Kündigung nicht. Wenn eben noch das Zimmer gemacht worden ist, kann Herr K. doch kaum die Absicht haben, zu verkaufen oder umzubauen. Sollte es sich nur um eine Mietserhöhung handeln, so wäre doch zunächst zu prüfen, ob Dir das Bleiben wichtiger ist als eine (vermutlich relativ kleine) Mehrausgabe.
Ist der Umzug unvermeidlich, so erheben sich natürlich allgemeine, grundsätzliche Erwägungen, die wir früher schon manchmal berührt haben. Du weißt: ich bin gefühlsmäßig für ein Bleiben in Heidelberg, wo Du Deinen Freundeskreis hast. Berlin hielte ich gegenwärtig für keine Verbesserung: die Fabeckstr. stünde
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| auf mindestens ein Jahr leer, und die Kurfürstenstr. enthält vorläufig gemütsmäßige Schwierigkeiten. Ob an Stolp zu denken wäre (ich meine: "denken" = entfernt in Betracht ziehen,) das wirst Du im vorigen Jahr erprobt haben. Ich habe nicht den Eindruck.
Also: Heidelberg schiene mir das Beste. Ob und was zu haben ist, wo etwas zu haben ist, kann ich leider garnicht beurteilen. Es ist Zeit genug, in Ruhe zu suchen, am besten aber [über der Zeile] wäre es doch, schon für den 1.VII. klar zu sein. Meine "Phantasien" gehen dahin, ein Unterkommen zu suchen, das mit ein wenig Anlehnung an eine vertrauenswürdige Familie verbunden ist, nicht so, wie es der Vorstand hat, sondern so: eine Villa, die die Besitzer nicht mehr allein halten können, in deren oberen Räumen 1-2 Zimmer oder 1 ½ Zimmer mit Kochgelegenheit leer zu haben wären. Und eigentlich zweifle ich nicht, daß es das gibt. Hedwig Koch z. B. hat das hier in Dahlem sehr hübsch. Ev. sollte man es mit einer Annonce versuchen.
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| Möglichst nicht weit draußen (obwohl es gewiß Kleinwohnungen in Siedlungen gibt.) Aber das schränkt den Verkehr mit allen Freunden zu sehr ein. Ich würde es begrüßen, wenn die Lage lärm- u. staubfreier wäre als jetzt und wenn die Luft etwas frischer wäre. Das sind "Ideale". Ich will aber damit sagen, daß, solange ich im Amt bin, die Geldseite kein Hindernis werden darf und soll, etwas sonst Geeignetes zu nehmen. Bitte sage mir noch einmal, was die jetzige Wohnung kostet.
Die Hauptsache ist: kaltes Blut und nicht gleich glauben, es müsse notwendig über die Kräfte gehen! Ein Umzug ist kein Genuß, und der Abschied von einem Heim, das man fast 4 Jahrzehnte bewohnt hat, ist eine schwere Gemütssache. Aber es ist ja lange erwartet, und es kann eine Verbesserung werden, und das Umziehen selbst muß man eben einer guten Firma übertragen, die einen Packer schickt, und das Einrichten muß dann langsam u. in Frieden geschehen. Schlimm ist es, daß die Veränderung vermutlich gerade mit den Tagen unsrer Abreise zusammen
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|fällt, so daß wir nicht mit Hand anlegen können, was bestimmt geschähe, wenn es noch vor September dazu käme.
Ich kann heut nicht so ausführlich schreiben, wie ich wünschte. Denn meine Vorbereitung auf 2 Kollegs u. einen Extravortrag morgen ist gehemmt worden durch einen Besuch von Frankes, die sich aus der Schweiz zurückmeldeten. Heute ist nur die Hauptsache zu sagen: alles mit Fassung u. Ruhe. Wir schaffen das auch noch. Es ist bestimmt nicht das greeschte Unglück.
Habe Geduld mit mir, wenn ich Deine letzten Briefe unaufmerksam verfolgt haben sollte, aber ich weiß im Augenblick ohne nachzusehen tatsächlich nicht, wer die "junge Frau in Baden-Baden" ist.
Ein schauerlicher Sommer. Immer an der Grenze der Heiznotwendigkeit, viel Regen (auch gestern in Ettersburg.) Und sonst viel Trübes. - Heute ein ziemlich leserlicher eigenhändiger Brief von Frau Witting.
Noch einmal: Mut! und viel innige Grüße
Dein
Eduard.

[li. Rand] Kirmß lag im Bett. Es ging ihm aber besser. Er hat eine noch Karte an v. Dirksen mit unterschrieben.