Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27./28. Juni 1936 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 27.6.1936.
Mein innig Geliebtes!
Die Lage in Heidelberg ist nicht so, wie ich sie wünschte! Erst der schlimme Abschluß der "Erholungstage" mit B.'s Erkrankung, und nun bist Du selbst auch noch krank! Es summiert sich alles, Großes und Kleines, um uns "Hinterbliebene" allmählich mürbe zu machen. Eigentlich solltest Du mir doch über die Künklersache auch wenigstens etwas andeuten, wenn mehr nicht möglich sein sollte. Es bleibt sonst eine zu schmale Brücke des Umeinanderwissens übrig.
Vor allem nun Dank für Deine lieben Zeilen und den Treitschke, den ich wohl einmal gelesen haben mag, jedenfalls aber nicht mehr in Erinnerung
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| habe. Du solltest eigentlich heut schon einen Brief von mir haben. Aber die letzten 2 Wochen waren allzu stark besetzt. Trotz des systematischen Abbaus häufen sich die Prüfungstermine, und der Personalkonflikt bei der Leibnizausgabe hat viele Stunden gekostet, ohne daß es gelungen wäre, bisher auch nur einen Abschluß zu finden. Vielmehr ist er heute erst recht wieder aufgeflammt. Außerdem habe ich seit dem letzten Brief an Dich nicht weniger als 3 Sondervorträge gehalten und mich an der Diskussion an einem Vortrag meines Nachbars, des Rassengünthers, beteiligt. Da zur gleichen Zeit der parate Stoff für die Vorlesungen knapp wurde, mußte ich oft bis spät in die Nacht arbeiten. Einmal bin ich von Dahlem aus an einem Tage dreimal in der Stadt gewesen, da des morgens erst ein Telegramm von v. Dirksen
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| kam, mit dem ich mich dann ganz gut verständigte. Gestern war es so: mit knapper Vorbereitung 9-11 Vorlesung, dann Konferenz mit Prof. Ritter auf der Akademie; um 1 zu Hause, kurz nach 3 (inzwischen Seminarvorbereitung) wieder in die Stadt, Blumen für Brosius besorgt (er geht doch am 30.6. ab) ½ 5 - 6 Seminar geschlossen, testiert. Um 7 bei einem Eisenbahnvortrag der Staatswissenschaftl. Gesellschaft im Schöneberger Rathaus. Im Anschluß daran Festessen. Um 24 zu Hause. Den Tag spüre ich heut noch.
Neulich machten mir die Leiter der Psych. Prüfstelle beim Reichskriegsministerium Oberst v. Voß und ORR. Simoneit, beide in Uniform, hier draußen einen Gegenbesuch, mit dem sie offenbar etwas sagen wollten. Es wurde dann auch manches über die beiden Kollegen gesagt, die nicht meine Freunde sind. (Leider gilt das in anderer Weise vom dritten auch.)
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Es ist erst ¾ 7. Aber schon jetzt muß ich sagen: ein seltsamer Geburtstag. Da es Sonnabend ist, konnte ich mich ganz frei halten. Wir rechneten mit starkem Besuch, besonders für die Kaffeezeit. Aber es ging ganz anders. Um 9 kam schon der erste (Klara Rauhut), dann 2 geschäftliche Besucher, dann Frl. Wingeleit, Dr. Lüdtke, Frau Gomies, Frau Gerhardt mit Renate. Das dauerte also ohne Pause bis ½ 2. Nach Tisch machte Susanne eine große Kaffeetafel bereit und lief sich die Beine nach weiterem Kuchen aus. Aber - es kam niemand, und ich habe wartend meine Zeit vertrödelt. Sollte Brosius es vergessen haben? Wolfgang Imhülsen, Marta (Holl) Wais, Adalbert Körner, Hans Günther u.s.w.?
Es sind herrliche Blumen in großer Fülle da, wie sonst. Die Briefe schätze ich bis jetzt auf 70. (nur 1 Telegramm,
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| pünktlich von Louvaris.) Aber das ist doch ein merkwürdiger Verlauf. Da hätten wir auch einen Spaziergang machen können, was seit Pfingsten wohl nur zweimal vorgekommen ist.
In der Japansache werde ich viel angesprochen. Aber offiziell rückt sich nichts. Wir haben die Kabine für den 13.X. ab Genua fest bestellt, und die Anzahlung von ¼ des einfachen Fahrpreises werde ich wohl mit 600 M nun aus der eignen Tasche machen müssen. Es ist in der ganzen Welt so dicke Luft - man nicht gerade weit in die Zukunft sehen. Deshalb kann ich Dir auch über die mögliche Zeiteinteilung noch nichts ganz Bestimmtes sagen. Bis Ende Juli müssen wir wohl hier bleiben. (ich muß dann eine lange u. tiefgehende Unerhaltung mit Lubowski haben.) Unser Zusammensein (wo?) kommt also frühestens für August in Frage.
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Der heutige freie Tag hat zur Folge, daß morgen um so mehr vorliegt: 11 - ¾ 1 Doktorexamen. ½ 2 - ½ 4 bei Admiral Seebohm mit Frl. von Tirpitz. Um 4 kommt Frau Elkisch. Um ½ 7 werde ich wohl mit Heymann noch eine Besprechung in Sachen des Leibnizkonfliktes haben. Montag lege ich eine Vorlesung ein, habe 3 Doktorexamina, eine Sitzung im Konfliktfall und eines jener seltsam schauerlichen Palaver, die in Zeiten geordneter Führung Fakultätssitzzung hießen; damals dauerten sie halb so lange u. hatten sachliche Ergebnisse. - Dienstag muß ich noch 2 Stunden lesen. Dann ist dieses merkwürdige Semester vorüber, in dem sich wenigstens die Zahl der Anwesenden ganz stabil gehalten hat. Birkemeier erzählte, er habe in Freiburg bei Heidegger 150, bei Jaspers 200 (allerdings ältere Leute)
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| als Zuhörer gefunden. Das ist relativ doch viel mehr als hier, wo es im Winter vielleicht ganz aufhören wird. (?)

28.VI.
Um ½ 8 kam in sanfter Lethargie Brosius, um ½ 9 Adalbert. Wir blieben in guter u. nach der letzteren Seite friedlicher Unterhaltung bis ½ 12 zusammen. Dann waren aber meine Kräfte auch wirklich zu Ende. Durch Schlafen allein kommen sie nicht so schnell wieder. Denn mehr als 7 Stunden höchstens schlafe ich doch nicht. Ich muß sehen, in den Ferien etwas aufzuholen, obwohl sofort am 1.VII. die Beschäftigung mit dem Englischen beginnen muß.
Für heut muß ich abbrechen, mit den wärmsten Wünschen für Dein Befinden und für Schutz vorm Jubiläumstrara. Ich grüße Dich innig in stetem treuen Gedenken. Auch Susanne grüßt vielmals.
Dein
Eduard.

[li. untere Ecke] Wohl 100 Briefe: nichts v. Wittings, Adelheid, Lore.