Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Juli 1936 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 6.7.36.
Mein innig Geliebtes!
Gottlob, daß Du wieder auf bist! Wenn nur die Wohnungssuche mit der dabei unvermeidlichen inneren Unruhe nicht nachteilig wirkt!
Ich komme sofort zur Hauptsache Deines vor 1 Stunde eingetroffenen lieben Briefes. Meine Stellungnahme ist die: es hat keinen Sinn, von hier Wünsche oder gar Anweisungen zu schicken, wenn man nicht weiß, was zu haben ist. Ein wesentlicher Faktor ist, daß Du es möchtest und daß Du glaubst, Dich darin wohlfühlen zu können - und zwar auf die Dauer!! Was gegen Rohrbach spricht, habe ich schon früher geäußert: es liegt vom Wege, mehr als selbst Ziegelhausen. Man ist dort
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| außer dem Verkehr. Bei Krankheitsfällen kann die Freundschaft viel schwerer heran, als bei zentraler Lage. Auf "schöne Aussicht" soll man nicht mieten. Das ist etwas für die ersten 3 Monate und für die Sommerszeit; späterhin und sonst ist das Entscheidende das Intérieur. Also: ich bin nicht gerade begeistert. Aber wenn Du ernstlich fürchten mußt, es gebe nichts Besseres u. dieses könnte Dir entwischen, dann greife zu. Es kann, falls Du nachher noch Besseres findest, doch wohl kaum mehr als 3 Monate Miete Abstand kosten. Und so viel ist die momentane Gemütsberuhigung wert.
Einen eigentl. Brief kann ich leider heut nicht schreiben. Es ist ein Tagesprogramm seit Semesterschluß, das durch seine vielfältigen Kleinigkeiten mindestens ebenso anstrengend wirkt, und ich bin nun wirklich bald fertig
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| Wir hatten erst einmal 2 Stunden hintereinander Englisch; sehr zweckmäßig; heut Fortsetzung.
Das Semester hat mit starken Sympathiekundgebungen in studentischer Form [über der Zeile] (+ großer Nelkenstrauß) geschlossen. Die beiden Dienstagvorlesungen waren beide stärker besetzt als sonst - trotz des Semesterschlusses. Die Akademiesachen haben noch viel Ärger u. Mühe gemacht. Doktorprüfungen und stark besetzte Sprechstunden bis zuletzt. Donnerstag öffentl. Akademiefeier. Freitag Abend (mit Hötzsch u. a.) bei Schumacher en famille. Sonnabend machten wir "Ferien" (Dampferfahrt Löcknitz, Marsch nach Kienbaum, [über der Zeile] schön doch zu anstrengend.) Gestern war erst Ludwig da, dann ein Mediziner, zu Mittag der Spanier Roura y Parella (mein Übersetzer.) Morgen wollen wir mit Glasenapps in Potsdam zusammentreffen. Zwischendurch schreibe ich an 3 Mss, lese ebensoviele und hoffe, dann doch auch einmal auf Japanliteratur zu kommen.
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Nach Tisch.
Die Lösung M. würde ich bei weitem vorziehen. Aber beide Seiten werden sich aus begreiflicher Feinfühligkeit nicht so weit vortrauen, daß eine Verständigung möglich ist, und objektiv würden sich hinterher Redereien daran küpfen. Also noch einmal: wenn Du für das ferne und schräge Rohrbach bist, dann erwarte von mir keine Besserwisserei. - Übrigens: länger als 3 Monate zum Suchen hat man bei so kleinen Wohnungen nie gehabt. Wissen Walzens nichts?
Vor allem recht gute Besserung und dementsprechend: Mut.
In Eile u. mit innigen Grüßen
Dein
Eduard.