Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Juli 1936 (Berlin/Dahlem)


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15. Juli 36.
97. Geburtstag m. Vaters.
Mein innig Geliebtes!
Es geht uns wohl beiden so ziemlich gleich: gewittrig, erschöpft, Herzattacken, allgemeine Abtakelung u. Verdrießlichkeit. Man hat eben die Höhe des Lebens hinter sich.
Wenn es Dir nur wieder "normal elend" geht und nichts extra mehr vorliegt!
Ich habe den Plan Deiner neuen Wohnung eingehend studiert und mir ein Bild gemacht, so gut es geht. Du bist ja nicht anspruchsvoll hinsichtlich der Deckenhöhe. Das wird schon gehen, obwohl das Schräge eben immer etwas aufs Gemüt geht. Wie sind denn die Fenster? Hinein- oder herausgebaut? [re. Rand] anscheinend heraus. Gehen die wichtigsten Möbel hinein, auch der große Schrank? Und bleibt dann noch etwas für die Bewegung übrig?
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Also sagen wir: Glückauf! Und wenn glücklichere, d. h. [über der Zeile] zunächst sicherere Zeiten kommen, dann kann man sich auch noch verbessern. Jedenfalls würde ich auch jetzt noch immer herumhören. Jener Weg des Abstandzahlens bliebe ja, falls etwas ganz Verlockendes sichtbar würde.
Du hast so lange von Adele Hennig nicht mehr geschrieben. Wie geht es ihr? Ist nicht auch in ihrem Hause nach Wegzug des Enkels etwas frei?
In Rohrbach wohnt jetzt auch der Dr. Drexler, den ich einmal in der Hauptstraße besucht habe.
Die 14 Tage Ferien, die ich schon hinter mir habe, waren in der Zeitausfüllung "nicht ohne". Wir haben schon 5 x 2 Stunden Englisch bei einer netten, sehr gebildeten, sehr geeigneten deutschen Dame gehabt. Das sehe ich schon, daß mir das noch sehr viel Mühe machen wird. Es liegt meiner Zunge, meiner Denkweise, meinem Herzen garnicht. Ich bin auch immer noch nicht genug darauf konzentriert.
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| Zwei Aufsätze sind inzwischen geschrieben, wohl 40 Geburtstagswünsche geschrieben [über der Zeile] beantwortet worden. Gestern habe ich im Hegelhause (!) vor dem Ausländerkurs 2 Stunden über Hegel geredet. Morgens war wieder einmal ein kleiner dienstlicher Verdruß, nachmittags vor dem Vortrag kamen wir endlich einmal auf den Kirchhof.
Einmal haben wir mit "Lotte und Inge" eine Dampferfahrt nach Potsdam gemacht. Sehr nette, gut erzogene Mädchen. Diese Fühlungsnahme ist doch nötig. Am Sonntag haben wir erst Pflichtbesuche gemacht, dann bei Frau Holl, Frau Wais und der sehr niedlichen kleinen Silvia. Nachm. mußten wir schon wieder nach Potsdam. Annemarie Heß aus Gumbinnen ist dort für eine Woche. Ich lege natürlich Wert darauf, daß Susanne dies Sehen ausnützt. Auch heut ist die Schwester da (bei uns, während ich dies schreibe) Nachm. wollen wir [über der Zeile] 3 etwas in den Regen. Besuch hatten wir von dem Spanier Roura (schon erwähnt?), von Prof. Kisch aus Klausenburg, von Frau Hilde (Körner) verehelichte Schmidt u. Gatten (Akademie Kiel)
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| und wem sonst noch? [über der Zeile] Wir waren auch mit Glasenapps in der Meierei u. Nedlitz.
Die Pläne für die nächste Zeit sind folgende: Morgen bin ich nachm. bei Tigges, Sonnabend Nachm. Treffen mit Litt in Wittenberg (ich allein.) Sonntag Fahrt nach einer Station hinter Wriezen, wo wir mit dem Auto von einem Vetter v. Susanne auf sein Gut abgeholt werden. Dort sind auch Jenny und Annemarie u. deren Jungens (aus Gumbinnen.) Dienstag Besuch bei Otto u. Frau aus Prag in Zeuthen. Am 27./28. werde ich ein "Lager" auslanddeutscher Lehrer in Kalkhorst (Mecklbg) bei Lübeck besuchen. Dann ist Lubowski zurück u. das Zahnvergnügen beginnt.
Brosius ist so gut wie sicher bei den Heerespsychologen untergebracht. (Gott sei Dank!) übrigens war auch Oelrich hier.x) [li. Rand] x) und Wollnik. Wenke wird sich wohl schon tot gearbeitet haben, wenn er bei mir anfängt. Ein fabelhaft fleißiger Mensch!
Herr v. Dirksen ist einverstanden, daß ich mit dem Dampfer am 13.X. fahre. (Fahrt hin u. zurück für 2 kostet über 5000 M!!) Sonst ist von A.A.
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| nichts zu hören.
Das ist ja eine merkwürdige Sache mit Oesterreich. Zunächst wieder ein Notschritt. Aber den Guten gelingt alles gut. Es scheint sich jetzt ein neues Mitteleuropa u. der alte Dreibund (!?) wieder herauszuarbeiten. Die Notwendigkeit, die eben in den Dingen liegt. Aber was soll Polen dabei? Und was passiert in Danzig? Viel Stoff zum Meditieren! Intra muros wird es nicht schöner. - Ich bekomme viele Briefe sehr verschiedener Stimmung wegen Tokio. Sehr herzlich schrieb neulich Kornis, auch Srbik.
Augenblicklich haben wir als Aushilfe der Aushilfe Klara Rauhut, die Dich grüßen läßt. Hiermit muß ich nun wohl den langen Brief schließen, um mit m. Damen Mittag zu essen.
Ich wünsche Dir (s. Konversationslexikon: Ataraxie, Autarkie, constantiam animi - alles aber: cum Deo. Schreibe bald, wie es Dir geht. Susanne grüßt herzlich.
In inniger Treue
Dein
Eduard.

[li. Rand S. 1] Bei Adalbert bin ich demnächst wieder Taufpate, d. h. bei s. Tochter (in absentia.)