Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30./31. Juli 1936 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 30. Juli 36.
Mein innig Geliebtes!
Bei der Rückkehr von Kalkhorst nach Dahlem - die Fahrt gestattete mir die Benutzung von 7 Zügen zwischen 11 und ½ 5 - fand ich zu meiner großen Freude Deine lieben Zeilen. Ich danke herzlichst dafür. Im Anschluß an die von Dir gestellte Frage möchte ich heut endlich die Pläne mitteilen, die ich Dir unterbreiten kann. Es liegt an der Misere des menschlichen Lebens, daß sie zu einem guten Teil von dem Zustand meiner - Zähne abhängig sind. Eigentlich wollte ich mir nämlich heut oder in diesen Tagen so ziemlich das Letzte, was ich noch habe, herausnehmen lassen. Das geht aber nicht, teils wegen meiner nunmehr doch höchstgradigen Erschöpfung, teils weil ich morgen bei einem Essen u. Vortrag des Herrn v. Dirksen dabei sein muß und die Familie Louvaris ab morgen vollständig hier sein wird, so daß ich immer sprechfähig sein muß.
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Kern meines Planes ist die nicht sehr originale Idee, daß wir in der Pension Witting Erholung suchen. Und zwar so: Wir wollen hier am 5. abfahren. Susanne soll (obwohl sie überhaupt nicht will) eine Urlaubskarte dorthin ausnützen. Wir würden ca 2 Tage zu dreien dort sein, dann wir beide (Du und ich) noch ca 10 Tage allein.
Begründung: Frau Witting ist nach menschlichem Ermessen für mich nur noch diesmal erreichbar. Sie wird schwerlich mehr als eine Stunde am Tage zu sprechen sein, und Felizitas, die jetzige Pensionsleiterin, nicht einmal so lange. Also kommt keine störende Konkurrenz in Frage.
Wie Du von Hermann weißt, hatte ich für uns ursprünglich an den Schwarzwald gedacht. Aber wir würden schwerlich etwas anderes als Freudenstadt wählen können (belastet mit Heinzelmann u. Grüninger), und das wäre nun auch eine wehmütige Sache. In P. ist es leider wohl unruhig,
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| aber die Luft würde dir gut tun, und wir brauchten nicht lange nach Logis zu suchen. (Frau W. schrieb übrigens zuerst, es sei auch bei ihnen im August schon alles vorbestellt.) Bei W.s sind wir in jedem Fall gut versorgt, individuell behandelt, u. Du kennst ja die Umgegend nur zum Teil. Besser wäre es für uns alle, wenn wir 1200 m hoch gehen könnten. Aber das Ausland ist z. T. versperrt, und es geht zu viel Reisezeit drauf. Denn in den letzten Tagen des August muß m. Zahnoperation vorgenommen werden, damit ich spätestens Anfang Oktober das Definitivum erhalten kann.
Mein Vorschlag also in Summa: die Dahlemer treffen am 5.VIII. nachts in P. ein. Du kommst ungefähr am 16.VIII. Am 18.VIII. spätestens würde Susanne abreisen. Wir beide hätten zusammen etwa 10 Tage. Es wäre gut, wenn Du dann allein noch etwas zu Deiner weiteren Erfrischung da bleibst.
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| Denn Du hast es sehr nötig.
Wenn Du Deinen Koffer von Heidelberg nach P. aufgibst, ist die Reise für Dich mit höchstens zweimaligem Umsteigen (auf Urlaubskarte) ohne zu große Anstrengung zu machen.
Heidelberg bietet für uns beide keine Erholung. Ich muß auch - leider - gestehen, daß die bevorstehende große Reise, die ja von meiner Seite einer Operation vergleichbar ist, von mir nur geleistet werden kann, wenn ich Orte vermeide, denen ich mit meinen derzeitigen Gemütskräften nicht Herr werden kann. Dazu würde selbst Freudenstadt trotz seines Namens und seiner Erinnerungen gehören, noch mehr jeder kleine Ort (wie z. B. Lenzkirch.) Die "kräftige Freude" in Partenkirchen, der man gerade von Wittings aus entgehen kann, scheint mir das Beste. Mittenwald wäre mir fast lieber, soll aber jetzt ziemlich unerträglich geworden sein.
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Das Projekt ist Dir vielleicht wegen der Entfernung und anderer früherer Eindrücke nicht unmittelbar sympathisch. Aber ich bitte doch, Dich hineinzuleben, weil es heute heißt, vom Möglichen das Sicherste und vom Unerträglichen das relativ Erträglichste zu wählen.
Ohne Worte wirst Du mir glauben, daß wir hier ohne Worte recht Schweres duchgekämpft haben, und wenn Susanne so tut, als ob sie sich unbändig auf Japan freue, so ist das vermutlich nur ihre erprobte Tapferkeit. Man braucht nur auf Spanien zu blicken, um zu begreifen, daß die Zeiten der ungestörten Innerlichkeit endgiltig vorbei sind. Hoffen wir nur dies, daß uns noch dies eine Mal dies "Idyll" - für Dich und mich ist es unendlich mehr als dies - geschenkt werde.
Ich bin nun ziemlich abgetakelt, und wir werden uns beiderseitig nicht strapazieren. Herrlich wäre es,
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| wenn wir mit einem bescheidenen Radius des Auslaufes noch ein paar schöne gemeinsame Tage hätten, uns beide erfrischten und so viel Kräfte in uns gewännen, daß wir beiderseits standhalten, um uns Ende 1937 gesund und "siegreich" wiederzusehen.
Was liegt alles in diesem "siegreich" - -
Für heut schließe ich, um morgen einen kurzen Anhang hinzuzufügen.

31.7.   ½ 9 früh.
Nur einen sehr kurzen Anhang - denn um 9 ist eine Fleißprüfung abzuhalten. Also innige Grüße und alle guten Wünsche!
Dein
Eduard.