Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9./10. September 1936 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 9. September 36.
Mein innig Geliebtes!
Ich fühle durchaus mit, daß die Chicane des meist so geschätzten Hauswirtes auf die Nerven und leider auch auf das Herz gefallen ist. Je geringfügiger das Objekt, um so mehr pflegt es auch mich mitzunehmen. Weil nun aber solche Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten vermutlich weiter zu erwarten sind, bitte ich Dich, ihnen nicht mehr Wert, wenigstens nicht mehr ojektiven Wert beizumessen, als vernünftig ist. Sollten Kosten entstehen, so werden sie eben bezahlt. Aber im ersten Fall ist bestimmt kein Rechtsanspruch da. Und: lieber bezahlen, als sich Herzschmerzen machen. (Wie kommt der Mann nur plötzlich zu der feindseligen Haltung?)
Quoad "Herz" - Digitalis bitte nur selten u. wenn nötig. Baldrian hingegen
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| hilft nicht sofort nachhaltig, sondern muß regelmäßig genommen werden, und zwar dann, besser, als Baldriantee, kalt ziehen lassen, einen Tag lang, und dann dreimal am Tag trinken. Da Du Jod nicht verträgst, werfe ich die Frage auf, ob Du etwa für Jogurth zu haben wärest (ich nicht!) - aber das ist gegen die nun einmal unumgehbare Verkalkung bei uns nützlich. Vor allem aber: nicht aus kleinen materiellen Sachen "Zustände" entstehen lassen. Man muß sich heut mehr als je zur Konservenbüchse seiner wichtigeren Kräfte machen; und Kosten, wie sie bei Deinen "Schulden" entstehen können, spielen bestimmt keine Rolle.
Der eingeschriebene Brief ist vermutlich angelangt. Gib ihm doch bitte noch eine Hülle mit dem Vermerk, was drin ist und daß eine Öffnung nur nach dem gleichzeitigen Tode von meiner Frau und mir in Frage käme.
Sonnabend war ich mit Nieschling am Grabe seiner mit 96 (!) Jahren
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| verstorbenen Mutter. Sonntag haben wir den Schreibtischinhalt zu ordnen begonnen. (Deine Briefe sind alle da - aber teils hier, teils dort gebündelt. Ich habe seit ca 9 Jahren die Kategorie "wertvolle Briefe", unter denen Deine, wie die von Kerschensteiner, Litt etc. gesondert liegen.) Sonst habe ich neben ein wenig Englisch viel Philosophie für den Monstrevortrag am 22 9. hier - meine Abschiedsrede - getrieben. Heut trafen Vertreter des A.A., des Kultusministeriums, und "wir" bei Gsellius zusammen, um das Geschenk für Japan zu besehen, das ich mitnehmen soll: eine Kiste von Reproduktionen deutscher Holzschnitte des 16. Jahrhunderts. Die Behörden kümmern sich um mich wenig. Um so mehr Freiheit werde ich mir nehmen; (nehmen müssen.) Sonst ist es hier trotz gelegentlicher Besuche ziemlich still. Der "verstorbene" Vorsitzende des deutschen Philologenverbandes war bei mir. Lore wiederholt; Hans (der nach Göttingen versetzt ist?) und Adelheid waren auch in Berlin, ohne von uns Notiz zu nehmen. - Ich schließe mal für heut, weil es schon spät ist nach intensiver Arbeit. Wir waren heut bei Frau Benary, trafen nur die Tochter.

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10.9.36
Neues ist nicht hinzuzufügen. Deshalb schließe ich dies Geschreibsel, zumal auch bei mir heut mal wieder etwas Herzdruck ist. Vermutlich wegen der Zeitungslektüre. Wir beide wünschen Dir Genesung und Herzensfrieden.
Innigst Dein
Eduard.

[] Von Partenkirchen seither nichts!