Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28./29. September 1936 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 28. September 36.
Mein innig Geliebtes!
Nun schreibe ich also zum letzten Male nach der Rohrbacherstr. Du wirst kaum Zeit haben, es zu lesen. Aber ich möchte doch dabeisein. Es ist ein seltsam schweres Gefühl, wenn man die Basis von 40 Jahren verläßt. Aber ich sagte eben zu Susanne: in 12 Tagen haben wir keine Häuslichkeit mehr und kein Bett, wo man sich hinlegt als in den Winkel der selbstverständlichen Zuflucht. Ein Bett wirst Du ja leider künftig auch nicht mehr haben. Und das ist es, was mir an Deiner Einrichtung beinahe am wenigsten gefällt. Aber ein Dach wirst Du haben, während wir in Ozeanen schwimmen. Das tiefste Gefühl des Betens und Segnens begleitet Deinen Weg - in das neue Heim.
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Hier aber wird es fürchterlich. Nachdem wir am Donnerstag noch die große "Gesellschaft" sehr nett gestaltet hatten - Susanne macht das äußerlich in schönster Ruhe, innerlich vielleicht auch nicht so - kamen Freitag 3 starke Männer, um die Bücher zu verpacken u. alles Silber nach Japan zu verschiffen. Ich hatte gerade eine halbe Stunde Zeit gehabt, mir die Bücherauswahl zu überlegen. Noch eine Stunde später, und 3 große Kisten gingen fertig ab nach Bremen. Morgen folgt das sog. "große Gepäck", für das ich nun eine genaue Inhaltsliste aufgestellt habe. Susanne hat daher einen Plan, um die 3 großen Koffer zu packen.
Außerdem haben wir Lore seit 3 Tagen hier als Logierbesuch. Sie ist selten zu sehen, bleibt aber - unbestimmt.
Ich habe 5 Dissertationen duchgesehen, von denen leider nur 2 annehmbar sind. Die Beste ist - von einem Chinesen.
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Wir haben bei Frau Arnthal u. Frau H. Maier etwas seltsame Abschiedsbesuche gemacht. Vorher hatten wir weiße Tropenanzüge bestellt. Was Sonnabend war [re. Rand] }Wallner geschäftlich. kriege ich nicht mehr zusammen. Sonntag Vorm. war eine ungarische Schülerin mit Bräutigam aus der Schweiz bei uns. Dann ein Chinese, dann die Presse. Nachm. bei der 84jährigen Frau Matejat, der es trotz der Zeiten bitter schlecht geht.
Heut habe ich vorm. Kleinkram geschrieben. Nachm. bei Heymann mein Akademietestament durchgesprochen, dann einen Siebenbürger u. zuletzt einen Hrn. v. Batocki empfangen. Eben - nach 11 kommt Lore nach Hause, und nun bin ich eigentlich auch "am Ende."
Morgen kommt ein Chinese. Nachm. lasse ich mir noch einen Zahn ziehen, dann zu Borchardt nach Pankow u. zu Frl. Mai nach Reinickendorf. So geht es bunt weiter. Heut nur noch, daß wir am Sonnabend 10. von hier abfahren.

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29.9.
Es ist ein Trost, daß es bei uns beiden jetzt gleichmäßig bunt zugeht. Und irgendwo ist immer auch ein Haken. Hoffentlich ist er bei Dir nur klein.
Da ich gerade daran denke: Ein Dr. Drechsler (Kath.) in Rohrbach, St. Peterstr. wird Dich vielleicht einmal besuchen, z. B. um m. Adresse zu holen. Es ist immer gut, wenn man auch ganz in der Nähe noch eine bekannte Familie hat. Der Dr. D. ist ein tüchtiger Kopf.
Viel innige Grüße und Wünsche von uns beiden
Dein
Eduard.