Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Oktober 1936 (Dampfer Gneisenau / nahe Port Said)


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Dampfer Gneisenau
14.X.36.  19 Uhr.
aufzugeben in Port Said.
Mein innig Geliebtes!
Eigentlich sind wir jetzt schon in afrikanischen Gewässern. Und vor 3 Tagen waren wir noch am Main zusammen. Hier ist ein kurzer Bericht über die Ereignisse bisher, geschrieben am Tisch der Kabine 134.
Nach der Haft im Schlafwagen sah ich beim Frühstück das Emmental, durch das wir wohl auch halb im Schnee gekommen sind, und dann bei Luzern unsren Uferweg und die denkwürdige Stelle: Brunnen. Vom St. Gotthardt hatten wir wenig Eindruck, wegen ungünstiger Plätze. Immerhin, vom Laggo Maggiore, Lugano und von Como sahen wir je einen Zipfel, ebenso von Mai
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|land
. Jenseits des Po kamen wir wieder ins Gebirge, das bis an das Ufer von Genua heranreicht. Nachdem wir von dem Zimmer Besitz ergriffen hatten, gingen wir wieder an Land, durch ein paar lärmende, südliche Straßen, aßen Abendbrot im Bahnhofsrestaurant und fielen übermüdet früh in die Betten.
Dienstag wollten wir um 6 die Abfahrt mit ansehen, konnten aber nur noch den Rückblick auf die Genueser Küste genießen. Unter manchen Inseln, die wir berührten, tauften wir eine Elba, eine andere Corsica. Gegen 10 saßen wir noch im Freien an Deck.
Heute, Mittwoch, standen wir wieder um 6 auf und konnten so, ganz allein auf der Vorderempore des Dampfers, die Durchfahrt bei Messina erleben, links Reggio, im Hintergrund den etwas beschneiten Ätna, der noch viele Stunden hinter uns sichtbar blieb. Nun sind wir schon seit langem auf offener
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| See, vielleicht bald südlich des Peloponnes. Deshalb habe ich eben einen Dankbrief an Metaxas geschrieben. Die See ist andauernd ruhig, der Himmel war leicht bewölkt, ließ aber immer die Sonne frei.
Ein solcher Dampfer ist ein Wunderwerk. Leider muß ich mit Beschämung sagen, daß meine Stimmung nur allmählich in Ordnung kommt. Die Ermüdung war groß; mit dem engl. Roman Maid in waiting komme ich garnicht vorwärts; vor allem aber ist mir dieser Komfort und diese Gesellschaftlichkeit bedrückend. Wir haben die Ehre, mit dem Ehepaar v. Dirksen und 2 Damen (geborenen Schwedinnen) am Tisch des Kapitäns zu sitzen. 27 mal muß man also abends den Smoking anziehen. Es ist sehr schwer, dem Botschafter aus dem Wege zu gehen, damit beide Teile ungestört bleiben. Er scheint dies besonders nötig zu haben. Mit ihr sind wir schon etwas besser in Gang gekommen. Aber der Ton ist schwer zu finden: halb zum gegenwärtigen Chef, halb frei gesell
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|schaftlich. Der Kollege Schinzinger (ohne Frau) ist in der Touristenklasse u. hat mich soeben besucht. Sonst haben wir noch keine Bekannten. Es sind viel Engländer auf dem Schiff.
Allmählich wird es spürbar heißer, nachdem wir in Genua noch einen recht kalten Wind gehabt hatten. - Die Gelegenheit, Kairo "mitzunehmen", werden wir wohl nicht ausnützen. Ich muß doch alle Kraft aufs Englische und auf die innere Einstellung für Japan verwenden. Schinzinger stellte sich in der Gruppierung, die durch Donat gegeben ist, spontan und ohne von meinen Eindrücken etwa zu wissen, auf meine Seite, gerade nach den Erfahrungen, die er mit den Vertretern japanischer Wissenschaft gemacht hatte.
Ich weiß nicht, ob wir in Aden anlegen. Falls nicht, wäre erst Colombo wieder Poststation. Es wird also eine lange Zwischenpause geben. Man sieht übrigens überall auffallend wenig Schiffe. Hoffentlich bist Du gut in Dein neues Heim zu<li. Rand>rückgekehrt. Den Müllers in Kattenhorn u. Hermine Kleiser wolltest Du schreiben. Wir fanden in der Kabine Telegramm v. Louvaris, Brief von Johanna <re. Rand> Richter, von Kiehms u. v. Wallner. Später würde uns auf der Fahrt in den Häfen, die wir berühren (cf. Bureau Norddeutscher Lloyd) nur Flugpost erreichen, die aber recht teuer ist. Wenn wir nichts <Kopf> hören, glauben wir, daß es Dir gut geht.
Grüße den Vorstand und sei selbst innigst gegrüßt von uns beiden. Dein Eduard.

[li. Rand S. 3] Ich versuche Tagebuch zu führen. Zur Kontrolle bitte ich Dich, später den Eingang meiner Nachrichten mit 1 Wort zu bestätigen.