Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Oktober 1936 (Dampfer Gneisenau / Indischer Ozean / nahe Colombo)


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An Bord des Ostasiendampfers
"Gneisenau"   23.X.36.  12h
[li. Rand] 9h. Mitteleurop. Zeit
Indischer Ozean, 22 Stunden vor Colombo.
Mein innig Geliebtes!
Seit Port Said, von wo ich zuerst an Dich geschrieben habe, sind 30° unsere Mindesttemperatur, bei Tag u. bei Nacht, innen u. außen. Seit Port Said haben wir nicht mehr angelegt - es ging ununterbrochen erst nach Südosten, dann schnurgerade nach Osten. Das Interessanteste war doch der Suezkanal: Wüste links und rechts. Gelegentlich ein Beduine mit seinem Kamel, oder eine ruhende Karawane. Bis Kantaré (wo unser Dahlemer Taxichauffeur in Kriegsgefangenschaft war) geht links und rechts eine Eisenbahn, rechts auch ein Süßwasserkanal und eine belebte Autostrecke. Bei Kantaré ist auch die Fähre, die die Bahnstrecke Jerusalem - Kairo verbindet. Es wurden gerade englische Truppen übergesetzt.
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| Bald nach der Dämmerung, die die trostlose Wüste für ¼ Stunde in unbeschreibliche Farben tauchte, mußten wir in einer Ausbuchtung des Kanals anlegen, um 6 große Dampfer vorbeizulassen. Das Herankommen der 6 wandernden Riesenscheinwerfer war höchst spannend. Eine Durchfahrt durch den Kanal kostet für die Gneisenau ca 60000 M. Wir sahen noch die Lichter von Ismailia; Suez passierten wir bei Nacht. Dann fuhren wir 3 Tage im Roten Meer, bei heißem Fahrwind, am 2. Tage auch bei etwas Eigenbewegung der Luft. Im Golf v. Suez hat man dauernd zu beiden Seiten Land, kahle, eintönige hohe Gebirge, unter denen der Sinai natürlich am meisten interessiert. Später ist nur selten Land sichtbar: rechts liegt erst der Sudan, dann Abessinien, dessen Benennung als "Land der schwarzen Berge" man nach den bisher rötlich scheinenden Ufern versteht. Links war am 2. Tage
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| die engl. Kohlenstation Perim die einzige Siedlung, die wir sahen; die Höhe von Dschidda (= Hafen für Mekka) hatten wir da schon passiert. Einheimische Segler habe ich seit Port Said nicht mehr gesehen. Am 3. Tag gegen Abend war rechts das Kap Guardafui der letzte Zipfel von Afrika, den wir in der Dämmerung sahen (also Somaliland.)
Seitdem fahren wir nun schon 3 Tage, ohne Land zu sehen. Es ist etwas frischer als im Roten Meer. Abends wird es sehr feucht. Gelegentlich findet man es "kühl", wenn es gegen Abend auf 28° Celsius heruntergeht. Ich habe eine Rezension für die "Erziehung" in der Kabine geschrieben. Im ganzen ist man geistig träge. An Bord ist immerzu irgendetwas los: entweder Kino oder Tanz oder - wie gestern Abend: Kostümfest. Frau Gerdts (Tokio) hatte Susanne bis zur Unkenntlichkeit in eine Teepuppe verwandelt. Ich hatte zum weißen Smoking nur das blaue Barett auf und ein blaues Ordensband, das
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| eigentlich eine Krawatte war. Nach solchen und anderen Scherzen ist mir allerdings auch hier nicht zu Mut.
Die einzige Sehenswürdigkeit in diesem einsamen Gewässer ist eine Fülle von fliegenden Fischen, die wie weiße Schmetterlinge aussehen. In 1 ½ Stunden passieren wir die Koralleninsel .........? (sagen wir Mimicry.) An Bord sind ca 60-80 z. T. sehr reizende Kinder. Wir freuen uns, morgen über Tag an Land zu können. Es fehlt doch sehr an Bewegung, da ich mich am sonst fleißig betriebenen Decksport nicht beteilige. Wir haben nun wenig über ⅓ der Fahrt (es wird uns allerdings jede 2.-3. Nacht eine Stunde abgezogen) Mit Frau v. D. sind wir in ganz gute Verbindung gekommen. Mit ihm ist wenig zu reden; einige Tage schien er besonders leidend zu sein. Meine fast einzige Beschäftigung ist die Lektüre von Galsworthy. - Wir sind hier postalisch weiter von Dir entfernt als in Tokio, da es für hier das Via Siberia nicht gibt. So wird es November werden, bis Du diese Blätter erhältst. Baden begleitet mich in <li. Rand> Gestalt des Kollegen Schinzinger, der in der Touristenklasse fährt. Innigste <re. Rand> Wünsche und das treueste Gedenken.
Dein Eduard (auch für Susanne.)