Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Oktober 1936 (Dampfer Gneisenau / Straße von Malakka / nahe Singapore)


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[li. Rand] 3. Brief
Mittwoch, 28. Oktober 36.
In der Straße v. Malakka
6 Stunden vor Singapore.

[li. Rand] Feder vom Strand in Colombo.
Mein innig Geliebtes!
Falls dies mit Luftpost von Singapore abgeht, wird es ein paar Tage früher eintreffen als der 2. Brief, der in Colombo aufgegeben worden ist. Ich beginne also mit Colombo, das uns einen starken Eindruck gemacht hat, auch weil wir es nach unsrem Stil genossen haben. Wir emanzipierten uns, nahmen ein Taxi und ließen uns durch die Stadt fahren, in der es alles gibt: Europäer, Hindu, Wedda, Araber (Mohammedaner), vor allem aber die ganz schwarzen Singalesen. Botanisch ist ebenfalls das Unglaublichste vorhanden: Palmen, Kokospalmen, Mangroven, Brotfruchtbäume, Bambusbäume, eigenartige Akazien, Feigen u.s.w.  u.s.w. Entsetzlich ist auch hier die
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| Lungerei der Eingeborenen. Man kann keinen Schritt tun, ohne einen Führer zu haben, der vorangeht, und drei, die folgen - was alles honoriert sein will - besonders, wenn man einen photographiert. Nur der Lenker eines der malerischen Planwagen (mit Kokosmatten parabelartig überdacht), die von 2 Kühen mit tief eingesenktem Nacken gezogen werden, hielt großmütig unaufgefordert gratis an. Die Stadt ist sauber für eine orientalische Stadt; hat Elektrische u. Autobusse, einen Fluß mit Wasser und Wiesenufern; belebte Bazarstraße [über der Zeile] Bazar <in lat. Buchstaben>, Hinduviertel mit schrecklichen Tempeln, aber auch kathol. Kirche, Kloster, Schule, schottische Kirche, Moschee etc. Am Meer, das recht starke Brandung hatte, eine hochgemauerte Promenade, mit Bänken, daneben große modernste Regierungsgebäude, Bungaloos (?) der Europäer, schöne Kasernen, Residenz des Gouverneurs. Nach der Fahrt von einer
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| Stunde mit dem Auto, die durch einen kurzen Weg im Botanischen Garten unterbrochen wurde, nahmen wir den Lunch im Hôtel Bristol, von barfüßigen Singalesen sehr zart und zärtlich bedient. Dann gingen wir noch über 2 Stunden zu Fuß durch die Straßen,¹) [li. Rand] ¹) ununterbrochen umlagert v. Rikshas, d. h. 2rädrigen Wagen mit kl. Sonnendach, für 1 Person, gezogen v. 1 Mann mit Skelettbeinen - traurig. die wir mit dem Auto durchfahren hatten, bei greller Sonne, die Susanne recht angestrengt hatte, und endeten mit charakteristischen Bazarerlebnissen.
Abends, unmittelbar nach der Abfahrt, als gerade der Tanz an Deck beginnen sollte, bekamen wir den ersten Regen auf dieser Reise, in Gestalt eines kleinen Tropengewitters, das aber nach unsern Begriffen schon ein Wolkenbruch war. Seitdem ist täglich etwas Regenneigung, bzw. Regen. Es kamen ein paar monotone Tage, besonders auch verstimmt durch die dauernde Unergiebigkeit des Verkehrs mit v. D., während es mit ihr ganz gut geht, wenn man sich an den Stil gewöhnt hat.
"Fabelhaft - was?" (sie.) "Ach nein!" (er),
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| als Antwort z. B. auf: "meine kleine Tochter hat heute Geburtstag."
Ich muß ein bißchen schnell schreiben - denn draußen ist heut etwas zu sehen, allerdings in Regenwolken, nachdem wir gestern in Penang (gegenüber Georgetown) herrliche südliche Farben gesehen haben. Die Färbung des Meeres war zum ersten Mal unbeschreiblich mannigfaltig u. wechselnd. Die Hafeneinfahrt war schwierig. Wir mußten 250 t. Wasser abgeben, um über eine Barre zu kommen. Das Schiff hing lange mit 15° Schlagseite, so daß an einer Durchblickstelle die Stelle die See schräg aufwärts zu gehen schien. Mutter, Kinderwagen und Teeservice kamen in gefährliches Rutschen. - An Land gehen konnten wir nicht. Wir haben aber 4 Stunden den Landungsmanövern zugesehen u. dem Ausladen - das mit dem schwarzen Personal an die "Zauberflöte" erinnerte. Es war ein riesiger Fährverkehr im Hafen. Bei Sonnenuntergang unaussagbare Farben
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| über den Bergen und Häusern - dann, 15 Minuten später, alles ein Spiel von Lichtern.
In der Nacht, bei Musik u. Tanz, saßen wir mit Schinzinger, Frau v. D., Frau Wagner (Kobe), Frau Gerdts (Tokio), Herrn u. Frau Kuhweide (Kobe - cf. Kurliste Partenkirchen, Hôtel Gibson) bis 12 Uhr kneipend. In der Zwischenzeit viel Regen, heut, obwohl wir uns dem Äquator nähern, mit 28° der seit Port Said "kühlste Tag." Selbst in der Kabine sind nur 29°, statt sonst 30°.
Wir werden in Singapur die "Potsdam" treffen. Unsre Mannschaft wird mit ihrer Besatzung Fußball spielen. Leider ist tatsächlich schlechtes Wetter, was man garnicht mehr für möglich hält. Wir sind bis jetzt, trotz vielen Essens bei mangelnder Bewegung ganz gesund geblieben, während andere (übermäßige Eisesser?) Magenstörungen hatten. Die Kinder an Bord sind großenteils reizend; neulich war auch ein Kinderfest. Mein Liebling ist ein Chiesisch-deutsches Kind von 4 Monaten, das im Wagen liegt, ein Riesenkind mit einem Riesenkaninchen
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| in blauem Ballonstoff. Es sieht einen so aufmerksam aus seinen halbrassigen Augen an und freut sich immer, wenn ich komme. Sonst beschränkt sich meine Bekanntschaft auf die Genannten. Alle Instanzen hier lassen leider den Engländern das Prae im Tun und Reden. England ist überall, wo man landet. Englisches Geld wird überall genommen. Deutschland hört man bisweilen im Rundfunk sächsisches Eichenlaub flechten.
Kuhweide ist IG Farben, die hier draußen überhaupt eine große Rolle spielen. Gestern sprachen wir von Ludwigshafen und Oppau.
Wie mag es im Herbst in der neuen Wohnung gehen? Ist alles ausgepackt? Wie ist Deine Gesundheit? Wie steht es mit dem Zeichnen?
Ich grüße Dich, den Vorstand, Frau Hecht, Adele, Kohlers, ev. Dr. Drechsler u.s.w.
Innigst Dein Eduard.

[] Viele Grüße auch v. Susanne. Nächster Hafen ist Manila - dann soll es plötzlich kalt werden.