Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. November 1936 (Tokio/Imperial Hotel)


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Tokyo, Imperial Hotel
den 11. November 36.
Mein innig Geliebtes!
Gestern ist Dein lieber Brief vom 19.X. hier in meine Hand gelangt und hat mich gebührend erfreut. Weiteres ist mindestens noch nicht da. Ich kann heut (und wohl auch in nächster Zeit) nicht so ausführlich schreiben, wie zuletzt aus Shanghai. Begnüge Dich also nachsichtig mit folgenden Stichworten, die die Nachricht von meiner Ankunft umrahmen. Schreibe bitte von jetzt an unter der Adresse des Japanisch-Deutschen Kulturinstitutes:
Tôkyô Hibiya Kôen
Sisei Kwaikwan 412
Privatadresse ist noch nicht gefunden.
Nach der Abfahrt aus dem Jangtse-kiang bekamen wir unerwartet eine
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| stürmische Nacht, die sehr viele zur Seekrankheit disponierte. Ich kam mit 3 Vasano durch. Susanne verträgt dies Mittel nicht. Sonntag fuhren wir (außen) an einer schönen japanischen Insel vorüber. Montag gegen 3 wurde der Fujiyama sichtbar, der erhabenste Berg, den ich gesehen habe, und der größte landschaftliche Eindruck der Reise.
Abschiedsstimmung, Liebesgaben, allgemeine Zufriedenheit.
Unsre Ankunft verzögerte sich bis nach 6 Uhr abends. Quarantäne. Paßrevision. Gleichzeitig kamen aber schon die Journalisten (mit anderen) an Bord. Ca 7 umringten uns - ich ließ sie mit Susanne allein, um meinen Paß zu zeigen. Während der Offizier uns ausfragte, wurden wir ununterbrochen photographiert. Am nächsten Morgen waren unsre Bilder schon in 8 Zeitungen, mit Text (unlesbar natürlich.) Dann strömte es vom Pier herauf. Für
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| Herrn v. D. die halbe Botschaft. Für mich ca 7-8 Japaner, von denen ich nur einige identifizieren konnte: Kotsuka (m. Doctor promotus) mit Frau im Kimono, Prof. Tomoeda, Takej Do, m. Übersetzer ........ [über den Punkten] Dr. Kang auch einige Deutsche. Großes Gewirr. Endlich konnten wir vom Schiff herunter. Lange Zollformalitäten mit Erfolg. Susanne fuhr mit der Gattin des Legationsrates Kolb (für mich wichtigste Person) in ihrem Auto voran. Ich folgte im Taxi mit Tomoeda u. Kotsukas. Man fährt von Yokohama nach Tokyo fast ½ Stunde. Erst spät waren wir im Hôtel u. um 10 im Grill zum Abendbrot mit den Genannten, zu denen sich Herr Kolb gesellte. Hôtel imitiert in Stein japanischen Bau, nicht lange erträglich und nicht billig. Am nächsten Morgen v. Kotsuka geführt zur Botschaft, Karten abgegeben - Pause benutzt, um unzugänglichen Kaiserpalast zu sehen, - um 12 Botschaft: bei Kolb u. anderen Beamten. Um 1 Lunch im Hôtel mit Tomoeda u. Kotsuka, um 2 im Institut Begegnung
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| mit s. Präsidenten Marquis Okuba (vornehmer alter Typ, Gespräch über Heidelberg u. Kuno Fischer.) Ab 3 Besuche, eigentl. nur Karten abgegeben bei Persönlichkeiten des Auswärtigen Ministeriums u. des Kultusministeriums. Niemand da, weil Chrysanthemenfest mit Kaiser. Kurze Pause. Um ½ 8 bei Kolbs im Familienkreise mit wichtigen Besprechungen. Abends zu Fuß ins Hôtel (Orientierung im ganz modernen Zentrum leicht) Trafen in der Halle des Hotels noch Generalkonsul Wagner - Kobe u. Dr. Becker (beide v. Gneisenau u. aus Hessen - auch Kolb ist aus Darmstadt.) Heut mit Kotsuka Autofahrt u. Kartenabgeben in verschiedensten Stadtteilen. Mit der Bahn nach Omori - auf Wohnungssuche. Wir sahen 3 Stile: 1) Apartmenthaus (= 1 Zimmer mit Annex) 2) möbilierte 3 Zimmerwohnung. 3) Hôtel Omori - gefällt mir am besten, ist aber noch zu teuer. Fall unentschieden. Wir sind natürlich müde, klimatisch sehr angegriffen, weil Temperatursturz u. Taifun.
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Eindruck des japanischen Wesens höchst angenehm. Alles sauber, kultiviert, konventionell-höflich. Moderne Stadt, etwas "aus der amerikanischen Schachtel", aber schöne Parks, viel Grünes, sehr intime japanische Wohnviertel im Gartengewinkel. Schlimm ist nur, daß man kein Schild lesen, keinen japanisch redenden verstehen kann und auch die englisch redenden nur halb. Meine Aufgaben werden in jedem Fall sehr anstrengend sein. Anscheinend dreht man sich auch immer um dieselben wenigen Deutschen (ca 700) Ein Diner nach dem anderen steht bevor. In Omori hätte man wenigstens ein refugium für die Arbeitsstunden. Nun, es ist z. Z. noch alles im allerersten Anfang, und man muß die Dinge sich entwickeln lassen.
Am 19.XI. werden mit mir hier die Heidelberger Ehrendoktoren gefeiert - unter ihnen der Mediziner Irisawa, dessen Diplom zurückgeschickt werden mußte, weil es auf Iris Awa lautete. Namenschwierigkeit natürlich auch für uns groß.
Hier gäbe es für Dich vor allem Bäume
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| zu zeichnen. Die Kamelien blühen im Freien, anderes, die Platanen und Gingos (!) sind herbstlich gelb. Vor der Kälte habe ich bei dem Ritzensystem aller Bauten hier wirklich Angst. Und mit dem Essen und Trinken wird es nicht einfach sein. Es gibt keinen leichten Wein, sondern nur Bier u. Whisky-Soda - beides kohlensäurehaltig - oder konzentriert Alkoholisches. Das völlige Umstellen der Lebensweise kommt natürlich zu dem übrigen als Anstrengungsfaktor hinzu.
Ich habe die Worte von Deinem Leben in mich gesogen. Meine Gedanken gehen oft auf den weiten Weg. Denn das ist nun erwiesen - es ist sehr weit von Deutschland.
Susanne, die seit den letzten Schiffstagen eine kleine Indisposition hat, grüßt herzlich. (angeblich vom Kaffee, den man hier nicht verträgt). Ich bin in treuer Liebe
Dein
Eduard.