Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19./20. November 1936 (Tokio-Omori/Omori-Hotel)


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Tokyo-Omori
Omori-Hôtel. den 19. Nov. 36.
Mein innig Geliebtes!
Meine bisherigen Briefe (von Port Said, Colombo, Singapur [Flugpost], Shanghai und Tokyo) sind hoffentlich angekommen. Von Dir habe ich bisher nur eine, die im 1. Brief aus Tokyo erwähnte Nachricht erhalten. Ich lebe in der Hoffnung, daß es Dir gut geht.
Unsere Anfänge hier sind durch ein schmerzliches Ereignis schwer überschattet worden. Frau Gesandtschaftsrat Kolb, die uns Montag 9.XI. auf dem Schiff so besonders warm empfing, in deren Familie wir uns am Dienstag 10.XI. abends so heimisch fühlten, ist in der Nacht vom Freitag zu Sonnabend ganz unerwartet gestorben. Noch um 3 war ich am Freitag im Hause; nachm. hatte sie noch Gesellschaft. Es ist ein unbegreifliches Geschick, und es ist uns mehr auf die Seele gegangen, als wir uns gegenseitig aussprechen können.
Alle offiziellen Veranstaltungen der Deutschen Botschaft sind infolgedessen ausgefallen und wir haben
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| ganz unvermutet ruhige Tage gehabt, was allerdings für die Gewöhnung an das Klima recht nützlich war.
Ich habe mich auf dem Institut installiert, habe (nun immer mit Japanern) Rektor u. Dekan der Kaiserlichen Universität, den sehr feinen 82jährigen Nestor der jap. Philosophie Inouye und die Familie Kotsuka in ihrem Hause zu einem jap. Essen besucht. Hauptaufgabe war natürlich das Wohnungssuchen, schon weil es im Imperial-Hôtel auf die Dauer zu teuer wurde. Hierbei hat vor allem Kotsuka geholfen, da wir eine Woche lang niemanden auf der Botschaft bemühen mochten. Das Omorihôtel hatte mir gleich recht gut gefallen - seiner Lage wegen, auf einem Hügel, mit Blick auf die Gärten des umliegenden japanischen Häuschengewirres, in dem sich kein Fremder allein zurecht findet. Wir sind am Sonntag hierher übergesiedelt, und das ist nun bis auf weiteres die Privatadresse.
Wir bewohnen 2 Zimmer: ein großes mit 2 Fenstern nach Süden als Arbeits- u. Wohnzimmer, ein kleines mit 1 Fenster, "jenseits des Ganges" allerdings, das gerade als Schlafzimmer
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| reicht. Das Hôtel ist europäisch eingerichtet, mit hübschen allgemeinen Räumen. Vorzüge: Zentralheizung, die wirklich funktioniert, und Susanne braucht nicht selbst zu wirtschaften. Nachteile: etwas weit vom Institut (knapp 40 Min.), ein wenig vernachlässigt-schmuddelig, und monotones mäßiges Essen. Preis pro Monat mit Frühstück 300 Yen (Yen = 70 [über der Zeile] 70 Pf.) Kotsuka hat Bücherschrank und schöne Bilder geliehen. Einen 2. Bücherschrank hat Susanne am 2. Tag allein [über der Zeile] ! mit einer kühnen Expedition für 6 Yen gekauft (! bei uns nicht unter 20 M.) Die Bücher sind ausgepackt, wir sind fertig eingerichtet.
Omori ist ein bunter, z. T. echt japanischer Stadtteil, mit Steglitz vergleichbar. Mit der Stadtbahn fahre ich von der Station, die dem Institut am nächsten liegt, 15 Min. Anmarsch in der Stadt 10 Min., hier 5 Min. Der Blick von unsrem Fenster ist ganz reizend; er geht nach Yokohama zu. Es ist still im Hause, und es kommt wenig Besuch hierhin.
Gestern war die Trauerfeier für Frau Kolb in der Botschaft. Der Gatte (mein eigentlicher Patron hier) tut mir unsäglich leid. Sohn 16 in Shanghai auf der Schule; 13jähr. Tochter.
Ich bin mit der Ausarbeitung des 1. repräsentativen Vortrages für die Kaiserl. Universität beinahe fertig. Die Frage
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| ist, wer ihn schnell übersetzen kann. Denn mit dem Deutschkönnen hier ist es weniger gut bestellt, als behauptet.

20.XI.36.
Gestern war ein kräftiger Regentag. In der Nacht hatten wir ein ganz leichtes Erdbeben. Heut strahlt die Sonne, so daß wir zum 1. Mal von unsrem Fenster den Silberstreifen der Bucht von Tokyo sehen. Ich muß gleich in die Stadt fahren und schließe daher diesen Brief mit den innigsten Wünschen für Dein Wohlergehen. Susanne grüßt mit mir.
Stets Dein
Eduard.

[] Gingo steht hier massenhaft als Alleenbaum. Aber das Blatt verliert vielfach die scharfe Teilung.