Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Dezember 1936 (Tokio-Omori/Omori-Hotel)


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Tokyo-Omori, Omori-Hôtel
den 4. Dezember 36.
Mein innig Geliebtes!
Es ist sehr merkwürdig, daß heut schon die höchste Zeit sein soll zu schreiben, wenn ein Gruß gerade zu Weihnachten bei Dir sein soll. Da ich in ½ Stunde zu m. Institutsbegrüßungsfeier gehen muß, kann es in der Tat nur ein Gruß sein, in den ich aber all meine Nähe zu Dir hineinlege. Ich denke mich schon heut unter Deinen Weihnachtsbaum im neuen schönen Heim u. wünsche Dir Gesundheit, Frieden, Freude.
Sehr herzlich begrüßt wurde Dein lieber dritter Brief, obwohl er die unsagbar traurigen Nachrichten über Hermine Kleiser brachte. "Zu edel für diese Welt", war mein Empfinden. Möge ich ihr noch einmal schreiben dürfen. Aber dazu muß ich wissen, wie sie jetzt heißt. Ob Dein Brief sie noch erreicht hat?
Meine Nachrichten heut können nur fragmentarisch sein. Endlich gestern hat m. Arbeit hier eingesetzt. Bis dahin nur Besuche, Höflichkeiten etc. Um 12 Uhr wurde mir zu Ehren vom Rektor der Kais. Un. ein Frühstück gegeben, zu dem die Spitzen der Univ. erschienen waren. Auch 3 Herren v. d. Botschaft. v. D. ist leider wieder erheblich krank. Um 3 hielt ich m. 1.
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| Vortrag in der Imperial University über "Kultur und Kulturen." Ich mußte in ein größeres Auditorium umziehen und hatte nach m. Schätzung mindestens 800 Zuhörer. Kotsuka trug die sorgfältige Übersetzung Abschnitt für Abschnitt vor, so daß etwa 10 Portionen herauskamen. Über 1 ½ Stunden die musterhafteste Aufmerksamkeit. Überhaupt - diese Resultate feinster Volkserziehung sind 1. Ranges. Gesandtschaftsrat Kolb bezeichnete den Tag als großen Erfolg. Nun geht es schnell weiter: Es folgt die Bunrika[über der Zeile] ?-Universität, dann die große Wasedauniversität, in der ich mich heut vorgestellt habe. Noch vor Weihnachten soll ich auch in andre Städte reisen.
Heut Abend wird es offizielle Ansprachen geben. Bis zum 15.XII. ist außer den Weekends alle Tage etwas los.
Post von Deutschland ist auffallend spärlich. Gute Beziehungen zur nahen Deutschen Schule hier habe ich aufgenommen. Sonntag war ich auf ganz Japanisch bei einem feingebildeten Professor der Military Academy.
Wir sind gesund - mit Einschränkung. Denn Susannes bekanntes Leiden tritt hier mit besonderer Hartnäckigkeit auf; leider.
Ich muß mich jetzt anziehen. Du bekommst, wenn es klappt, von hier eine Kleinigkeit u. von Berlin ein Buch. Noch einmal innigste Weihnachts- u. Neujahrsgrüße, auch an alle Heidelberger Freunde. Wir gedenken Dein in Liebe.
<re. Rand>
Stets Dein Eduard.

[] Wir haben in vornehmster Gesellschaft (Prinz) ein Nohspiel gesehen. Sehr merkwürdig!