Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Dezember 1936/1. Januar 1937 (Tokio-Omori/Omori-Hotel)


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Tokyo-Omori, Omori-Hôtel
den 28.XII.36.
Mein innig Geliebtes!
Wir waren heut von 12 - 9 in der Stadt. Ich habe mir vom Institut Deinen "eigentlichen" Weihnachtsbrief mit den Bildern Deiner neuen Behausung abgeholt - die werde ich bei frischerem Zustand noch näher studieren - und nach orientalischer Besorgungsfahrt, die auch eine nähere Schilderung verdiente, haben Susanne, Kotsuka und ich das Kino besucht, nämlich. "Der Kongreß tanzt". Ich erinnerte mich dabei unsrer stimmungsvollen Stunde in Coburg; den beiden anderen war es neu. Ich habe die üblichen Rührungstränen vergossen. So ist es nun: erst der miserable Heidelbergfilm, dann "Der Kongreß tanzt", beides in Tokyo Nr 1 in amerikanischer Sprache, Nr. 2 in deutscher. Nach einem solchen Wandertag ist man mehr als müde.
Heute sitzen wir in dem Gebirge einer reichlichen Weihnachtspost. Die Freundinnen haben viel Liebes geschickt und geschrieben. Seltsamer Weise fehlt von Kollegen alles, und Wenke hat noch nicht einmal geschrieben, d. h: es ist nichts eingetroffen.
Rundfunk und V.B. scheinen günstig über das berichtet zu haben, was man in Dtschld. meine An
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|trittsvorlesung nennt, was aber in Wahrheit doch nur auf dem Boden der Imperial-University gespielt hat, dort allerdings in großem Kreise, mit 1000 Studenten, wie man schätzt.
Es ist ganz unmöglich, das charakteristische Kolorit des Lebens hier schriftlich wiederzugeben. Es besteht alles aus kleinen Zügen, die diagnostisch sehr interessant sind. Ich greife mal eines heraus: Stiefelkauf. Die "Ginza" ist die Leipizger Straße. Da gibt es alles zu kaufen. Man kann sogar bei Maruzen neueste deutsche Bücher gut assortiert finden, auch v. Ed. Spranger, und die Verkäufer sind very honored, daß man selbst kommt und Geschenke kauft. Aber nun der Stiefelkauf. Hohe Stiefel sind hier nicht verbreitet. Einige sind da. Aber die Japaner haben viel kleinere Füße. Meine Größen sind nirgends da. Sie sollen in 10 Min von der Filiale besorgt werden. Man verspricht also, nachm. wiederzukommen, und man kämpft sich nochmals durch den wilden Neujahrstrubel. Wirklich sind 2 größere Sorten besorgt, aber noch zu klein. Welches Glück! Der Chef dieses shops ohne verschließbare Vorderseite spricht etwas Englisch. Er verspricht: in 10 Min werden weitere Größen da sein. Wir schieben den Einkauf von Neujahrskarten dazwischen. Sie sind im 3. Stock des Geschäfts zu haben, obwohl das jetzt die größte Sache der Saison ist, die man bei uns in den bequemsten Raum legen würde.
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| Nun zurück zum Schuhladen. Wirklich ist etwas Passendes da. Chevreaux, etwas zu weit, Ledersohlen als Einlage und 3 Schnürsenkel gibt es zu. Das Objekt ist für hier sehr teuer und gehört zu den ungünstigen Einkaufsartikeln. Preis: 14 Yen 40 sen = ca 10 M. Man würde es auch noch 12 km weit schicken. Alles ist also erreichbar, aber Du mußt unendlich viel Zeit haben. Hier wie überall.
Willst Du aber eine eigentlich rauchbare schöne Zigarre haben - die kostet so nahe von Manila 1 Yen = 70 Pf. Strafe für den Genießer.
Über unsre Gesundheit möchte ich noch einiges sagen. Das Klima ist voll von unberechenbaren Extremen. Daß der Bronchialkatarrh, den ich von Hongkong mitgebracht habe, zurückgegangen ist, ist eine Glückssache. Morgens liegt manchmal Reif, Mittags könnte man den Überzieher entbehren. Um diese Zeit wird viel Reisig verbrannt. Es stammt anscheinend oft vom Kampferbaum, der schön aussieht. Aber dieser Qualm hat einen beißenden Weihrauchcharakter, und ich vermute, daß v. Dirksen eben diesen smell nicht verträgt. Bei der europäischen Küche unsres Hotels ist irgend ein unbekanntes Öl, das mir widerlich ist. Aber ich habe ganz geringe Verdauungsbeschwerden, beinahe weniger als in Dtschld, vermutlich gerade wegen dieses oils. Leider geht es Susanne sehr viel schlechter.
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| Auf dem Schiff war sie blühend. Hier sind ihre Obstipationen oft so beängstigend, daß wir wohl eine japanische Autorität, die ich schon kenne und die auch Dirksen behandelt, werden befragen müssen. Ein mir bekannter gelber Fleck auf der Backe gibt mir die Vermutung, daß mit der Leber oder Galle etwas nicht in Ordnung ist. Die Stimmung ist auch ungünstig beeinflußt. Die Behandlung mit Kilos von Abführmitteln ist anscheinend eine bloße Symptombekämpfung. Ein hierher verheirateter Dr. med. Becker weiß nicht viel weiter. Schreibe mir doch mal, welche Grunddiät nach heutiger Anschauung bei Leber- oder Gallenleiden einzuhalten wäre. Susanne hat guten Appetit, wählt aber nicht zielgemäß aus, und das ist bei unsrer Hotelexistenz auch nicht ganz leicht.
Ich bin zu müde, um weiterzuschreiben. Gute Nacht für heut!

1.I.37.   gegen 7 abends.
Tagelang konnte ich nicht weiterschreiben, wegen zerstreuender Pflichten, aber auch wegen schlechten Nervenzustandes. Denn ich habe mich etwas überanstrengt. Wir sind heut um ½ 10 weggegangen, eben zurückgekehrt. Da habe ich Deinen lieben Brief zu Neujahr vom 11.XII. gelesen, der auf die Minute richtig eingetroffen ist. Ich
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| bin sehr glücklich darüber. Es sind alle Deine angegebenen Sendungen eingetroffen, mit Ausnahme des Kalenders, der aber wohl noch kommt. (Das Institut ist nämlich vom 29.XII. bis 8.I. geschlossen. Dort bleibt wohl viele Post hängen.)
Leider habe ich den Faden "verloren", d. h. ich weiß nicht wieweit ich zusammenhängend berichtet habe. Das kann aber leider auch nicht geschehen. Von den 3 großen Vorträgen: Imperial University, Bunrika u. Waseda (letztere mit schlechter Übersetzung) war wohl schon die Rede. Auch vom Empfang für mich auf der Botschaft, wobei ich eine sehr glückliche Ansprache improvisierte. Weihnachtsfeier in der OAG = deutsche Gesellschaft. (19.XII) Am 22.XII. gab ich hier im Hôtel ein kleines Herrenessen, das gut verlief. Am 23.XII. fuhren wir nach Atami. Von dort habe ich Dir eine Ansichtskarte geschrieben. Susanne hat Dir Photographien geschickt. Atami war ohne nennenswerten Erholungserfolg. Am 26. Abends mußten wir schon zurück. Am 27.XII. sprach ich bei mangelhafter Regie, aber anscheinend mit gutem Erfolg vor ca. 450 Volksschullehrern. Alles wird auf Japanisch gedruckt. So z. B. auch m. Festansprache bei den Medizinern mit guten Bildern. Ich habe viel Füh
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|lung mit Medizinern, unter denen noch persönliche Schüler Virchows sind (z. B. Excellenz Irisawa - mit Gruß an Adele!) u. von Aschoff, der mir übrigens hierher geschrieben hat. Am 28. waren wir in einer prunkvollen Revue, die nur für foreigners vorgeführt wurde. Dann kamen die schrecklichen Tage mit ca 60-70 Neujahrswünschen an Japaner, wobei Kotsuka rührend geholfen hat. Mit den Adressen ist das ja alles sehr umständlich. Nun wird es ein wenig stiller, weil die Japaner eine Woche lang feiern.
Heute gingen wir mit Geschenken um 10 zu Kotsukas (Großmutter, Mutter, Schwiegertochter.) Dann waren wir um 12 bei Tomoedas in ziemlich rein japanischem Stil. Das Kauern fährt gehörig in die Beinmuskeln. Hinterher endlose Autofahrt an den Schrein des Kaisers Meiji (s. Konversationslexikon.) Millionen besuchen am 1.I. diesen Tempel. Zum Schluß bekamen wir vom 2. Priester noch Sake, der dem Gott offeriert war, und kl. Andenken. Das ist alles ziemlich heidnisch. Das Neujahrsoffiziell ist sonst ganz nach kaiserlich-deutschem Muster von 1870.
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Endlich ist auch der gefürchtete Brief v. Wenke eingetroffen mit einem Photographiealbum und Grüßen einer Zahl von Getreuen. Ich habe also einen Vertreter in Pädagogik, einen Herrn Dr. Nelis aus Bonn, den ich nur ganz flüchtig kenne. Dies richtet sich wohl gegen B., denn der [über der Zeile] N. liest nun wirklich NS Pädagogik. Das Seminar ist in die Universitätsstr. umgezogen. Der Verwaltungsdirektor ist nach Breslau versetzt. Das geht also im bisherigen Stil weiter. Aber mit m. Erfolg in der Kaiserl. Universität macht man Reklame. Sonst ist bisher wenig Neujahrspost. Kommt noch.
Programm für die nächste Zeit: 18.I. Reise nach Osaka (3Millionenstadt). Dort am 19.I. eine Art Volksversammlung, am 20.I. eine kleine Vorlesung. Am 25.I. beginnt eine Reihe von Vorlesungen in der Kais. Un. hier, die 4 Wochen lang dauern soll: Mo. u. Di. 3-4. Ohne Übersetzung. Ich bin neugierig, wieviel man davon versteht. Denn mit der Kenntnis des Deutschen steht es schlecht.
Die Einzelbesuche kosten viel Zeit. Man fährt ½ Stunde Auto. Dann beginnt das Suchen des Chauffeurs. Meinerseits sprachlos. Denn mit unsren bisher 7 Stunden Japanisch läßt sich nicht viel machen. Ich nehme übrigens jetzt einen jap. Studenten als Assistenten.
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| Wir könnten ab März eine Wohnung von Deutschen haben mit jap. Bedienung. Die Wohnung kostet vermutlich nur 70 Yen Miete - statt jetzt 300 Yen für 2 Zimmer. Trotzdem halte ich es für besser im Hôtel zu bleiben, obwohl hier ein Parteioffizieller wohnt. Susanne hätte zu viel Mühe mit der Wirtschaft. Kommt jetzt schon nicht durch. Papier schichtet sich wieder wie in Dtschld.
Ich kann nun nicht mehr schreiben. Habe an Deinen lieben Nachrichten u. Bildern herzlich teilgenommen. Grüße den Vorstand, Rösel (mit guten Wünschen) Dr. Drechsler, Kohlers besonders.
Ich gedenke der Tage in Heidelberg vor 1 Jahr. Wir hatten hier das dritte Erdbeben. Du kennst meine innigen Wünsche für Dein Leben. Glückauf für 1937! Susanne grüßt treulich.
Innigst Dein
Eduard.