Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Januar 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Januar 1936.
Mein geliebtes Herz!
Zum erstenmal in diesem entscheidungsdrohenden Jahre schreibe ich Dir. Man möchte die Lampe anzünden, so dunkel ist es, und der Regen strömt unablässig, und man kämpft um inneres Licht. Da war der Fröbel gerade das Richtige in seiner besinnlichen, zum Besten wendenden Art. Unendlich viel allerpersönlichste Gedanken hat er mir angeregt und wenn er nicht einen so entsetzlich schwerfälligen Stil hätte, so wäre diese "Rechtfertigung" (- wie ja auch Wiechert es [über der Zeile] bei sich nennt) herrlich. Die Veranlassung zu diesem Schreiben scheint mir aber doch absolut klar ausgesprochen: ein in großer Erschütterung geschriebener Brief an Emilie, der den Frieden in Keilhau zu zerstören drohte: die wiederholte Erwähnung dieses Briefes, die immer neu betonte Tatsache, daß alle Verknüpfung mit den Menschen ihm nur durch die Erziehung bestanden hat. (S. 105) Vielleicht war ihm das selber nie so unbedingt bewußt, wie in diesem Augenblick, wo er mit dem Bekenntnis seines tiefsten Strebens die Entzweiung in Keilhau bannen will. (122) Und wie schön, wie ganz verständlich ist das, was er über das Bedürfnis nach Achtung, nach Selbstachtung, die durch ein Echo gestützt werden muß, sagt. (128.)
Ach, und dieser Symboliker! Haben wir davon nicht auch etwas? Gibt es nicht Dinge, die so fein und
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| zart, so tief und geheimnisvoll sind, daß wir sie nur durch ein Symbol ausdrücken können? Auch wir haben unsre Blumen und nichts soll uns ihre Bedeutung zerstören. Hat die kleine Christrose, die unter dem Schnee verblühte, nicht zu Dir geredet? Und an meinem Fenster rankt sich der Heidelberger Epheu von Deinem Hochzeitstag und ich freue mich täglich an seinem Gedeihen. Braucht man uns von kosmischen Einflüssen zu reden? Gleich nachdem Du fort warst, habe ich nach dem Normalbarometer das meinige reguliert und es steht jetzt auf Sturm und so wird wenigstens dies Ärgernis beseitigt sein! - Ich war wohl auch nicht richtig eingestellt; vielleicht zu ichbefangen. So schnell komme ich nie über etwas fort, was mich in der Tiefe trifft, und das hatte eben doch Dein Weihnachtsbrief getan. Ich bilde mir ein, hier nicht nur aus persönlichem Gefühl heraus zu urteilen, sondern aus deutschem Empfinden. Es handelt sich zuletzt um die Frage: verzweifeln wir an jeder Möglichkeit der Besserung oder nicht. Und ich hätte eben gedacht, solange eine fühlbare Wirkung da ist, dürfe man die nicht aufgeben. - -
- Da hat mich nun Adele recht gründlich unterbrochen. Sie hatte auf der Post ein Packet aufgeben wollen und das Geld vergessen. Du siehst, auch die kluge Adele wird "kindisch". Nun ist inzwischen Abend geworden und die Lampe tritt in ihr Recht. - Heute morgen war
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| ich auf der Sparkasse, um das von Dir Angekündigte, das mir gemeldet wurde, eintragen zu lassen. Auch in dem andern Buch ließ ich die Zinsen eintragen und da stehen jetzt 1082,56 M. Dein ganz persönlicher Betrag auf der Städt. Sparkasse ist nicht so genau zu errechnen, er wird etwa 10 M mehr sein, weil ja ursprünglich das Geld dort einen Monat länger war. Durch meine unregelmäßigen Abhebungen kann man es nicht auf den Pfennig ausrechnen. Die Gesamtsumme am 1.I.36 ist um 50 M mehr als 35. (2871,62) Du hast nun wieder für eine absehbare Zeit die Existenzsorge von mir genommen und ich danke Dir sehr dafür. Ich hatte ja gedacht, ich könne auch wohl selbst irgendwie eine Möglichkeit finden. Aber ich habe keine Möglichkeit gesehen. - Auch davon hatte ich bei Deinem Hiersein reden wollen, aber es war einmal wieder in mir eine so große Scheu vor dem Wort. Es ist auch nicht nur dies, sondern auch die Unfähigkeit des rechten Ausdrucks. Und es quält mich dann, wenn ich falsch verstanden werde. So begnüge ich mich, zu hören und es klingt in mir nach.
Im Fröbel aber hat doch so vieles Bezug auf Dich. Ich könnte ihn ja garnicht verstehen, wenn ichs nicht mit Dir erlebt hätte. Gerade diese Menschenliebe, die so vertrauend und unbefangen entgegen kommt, habe ich von anfang an so gut verstanden. Ich träumte einmal, als ich nach Berlin reisen wollte: Hermann
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| empfing mich an der Bahn und sagte, Du habest noch eine Zusammenkunft mit einem Mädchen. Das erklärte ich mir sofort aus Deiner helfenden Liebe und fand es ganz natürlich. - Einmal sprach mir Johanna Wezel davon, Du seiest zu unvorsichtig in Deinem Verkehr, z. B. auch mit Felizitas. Man müßte bei solchem Entgegenkommen doch persönliche Absichten vermuten. - Ich habe dafür kein Verständnis gehabt, weil ich Dich kannte, aber es mag oft genug auch so falsch geurteilt worden sein, wie bei Fröbel im vorliegenden Falle. - Auch die dichterische Phantasie und Illusionsfähigkeit gehört so unbedingt dazu; was Fröbel sagt über die frühe Verletzung der Seele, die den Erzieher mache, - den Helfenwollenden - und dann das: vom Leitziel des noch nicht Erreichten - - - es ist ganz wundervoll, wie schön das alles empfunden ist: gefühltes Leben, fern von nüchternem Verstand.
- Zu meinen andern Büchern bin ich noch nicht gekommen. Du würdest fragen: ob ich wieder überlastet sei? Aber erstlich bin ich wenig leistungsfähig und dann habe ich um diese Jahreswende noch 35-40 Seiten hin zu schreiben, abgesehen von einigen Besuchen hier. Ich will doch die Beziehung zu den Menschen nicht völlig einschlafen lassen und wenn ich meine Liste durchsehe, so weiß ich nie, wen ich streichen sollte. Von jedem habe ich irgend etwas und es kommen tatsächlich auch immer noch welche dazu. So die "Cousine" auf
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| dem pommerschen Gut, die 4 sehr liebenswürdige Seiten schreibt, und eine lebendige Skizze von Annemarie Boettcher über ihre Eindrücke von Glasgow.
Wie gern hörte ich jetzt, ob Du Susanne wieder wohl angetroffen hast? Hoffentlich konnte sie inzwischen recht gründlich ausschlafen. - Ich habe mich damit so ziemlich kuriert, sodaß der Druck aus dem Kopf fort ist, nur der Hals ist noch nicht frei. Es sitzt da noch ein Kloß in den Bronchien fest, der nicht locker wird.
Mit dem Vorstand fängt die alte Leier wieder an. Ich war am Tag Deiner Abreise bei ihr und gestern wieder, aber sie beklagte sich: sie hätte garnichts von mir. Was soll man da tun?!
Jetzt will ich mal noch für eine Weile zu Frau Wille gehen, die auch immer drängelt. Sie hat mir doch den Ofen geliehen, der freilich bei der Temperatur eigentlich unnötig war. -
Sage Susanne für heut möchte sie noch Nachsicht mit mir haben. Ich schreibe aber ganz bald. Hat sie die Butterfälschung entdeckt gehabt?
Ich grüße Dich wie immer so auch 1936 in treuer Liebe.
Deine
Käthe.