Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Januar 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24.I.36.
Mein geliebtes Herz!
Nun ist schon wieder eine Woche vorüber - im Fluge! Und dabei ist sie bei mir doch so ereignislos. Recht begierig bin ich, nun einmal wieder von Dir direkt zu hören, z. B. von Hannover u. dem Akademievortrag, vom Drucken der Aufsätze, von interessanten Besuchen u.s.w. - - Weil ich mich auch gern erheitern wollte und es hier keine Fledermaus gibt, war ich im "Krach im Hinterhaus". Das ist wirklich ganz famos. - Denn sonst gibt es wirklich nichts Heiteres. Ich hörte von einem Schulungslager der Studenten, wo man erklärt hat, der N.S.D.St.B. solle zum Stoßtrupp gegen die Confessionen für Rosenberg gemacht werden. Es sind nur wenige, die sich da ausschließen, und denen wird es sicher schlecht bekommen.
Vorgestern kam wieder ein Auftrag von der Frauenklinik. Sehr angenehm. - Später klingelte bei mir - ein Polizist! Was er wollte? Ich sei doch Zeichnerin, und er habe eine begabte Tochter, wie er die am besten ausbilden könnte? Komisch, nicht wahr? Er hatte meine Adresse aus dem Stadtbuch! - - Von Wolfgang Henning erfragte ich, daß die Autobahn erst bis hier und Mannheim befahrbar ist, also den Durchgangsverkehr noch nicht ablenkt. Das Nachlassen - sagte auch der Verkehrspolizist - sei nur eine übliche Wintererscheinung. - - Und die übliche Ausfallserscheinung ist es, daß ich beim vorigen Brief
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| ganz vergaß, das kleine, längst fertige Messersäckchen einzulegen. Nun wird es hoffentlich diesmal mitkommen.
Am nächsten Montag oder Dienstag wird meine Schwester Aenne für etwa eine Woche herkommen, um den 80 mit ihrer Patentante zu begehen. Ich freue mich herzlich, dadurch meine Schwester auch mal bei mir haben zu können. Sie kommt so früh, um vor den vielen Besuchen der Gratulanten noch in Ruhe mit ihr zusammen zu sein. - Ich besuche den Vorstand nach wie vor regelmäßig, aber eine sehr fruchtbare Sache ist es meist nicht. Neulich wollte es der Zufall, daß Gertrud Winter bei ihr war, als ich hinkam. Da habe ich sie natürlich begrüßt, aber jedes persönliche Wort vermieden.
Die Büsche fangen schon an, auszuschlagen, nach kurzen Sonnenblicken gibt es wieder Schnee und Regen. Die Regenmenge, die im vorigen Januar 19 cm betrug, ist in diesem schon über 40 gestiegen. Ob sich eine Sintflut vorbereitet? Selbst Luise L. Hielt eine solche für angemessen!
Ich denke Dein und wünsche Dir Kraft, und außerdem die Möglichkeit, sie zu entfalten - wie auch immer sich dies gestalte. - - Morgen werde ich in eine Ausstellung japanischer Holzschnitte gehen und mich an der feinsinnigen Kultur dieser Menschen erbauen.
- Grüße Susanne herzlich. Und auch Dir viel liebe Grüße von
Deiner
Käthe.