Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. Februar 1936 (Jena)


[1]
|
Jena, 7. Februar 1936.
Mein geliebtes Herz!
Das war mal eine ganz besondere Freude, hier gleich solch lieben Brief von Dir zu erhalten. Aber hoffentlich ist das mit der Grippe-Anwandlung wirklich definitiv überwunden gewesen? Ich habe doch mit dem Unterdrücken, als es Ende Dezember anfangen wollte, recht schlechte Erfahrung gemacht. Jetzt bin ich die Sache aber los bis auf einen leichten Husten. - - Nun bin ich also soviel näher an Berlin, aber was schaut da naus? Deswegen sehe ich doch nichts von Dir. Es ist wirklich sonst eine rechte Freude. Im Haus Seidel werde ich aufs liebenswürdigste versorgt, in der Klinik habe ich einen hellen, bequemen Arbeitsplatz. der Weg dahin ist etwa 7 Minuten weit und ich zeichne von 9-1 Uhr, und von ½ 4 bis gegen 5. - Die ersten Tage war ich noch ziemlich marode, auch von der Reise ermüdet, aber jetzt habe ich gut ausgeschlafen und die Arbeit "geht täglich besser" und seit gestern bin ich unternehmend und gehe auf Besuche. Zunächst leider vergeblich, denn bei Weinels wurde überhaupt nicht aufgemacht. Heut bei Leisegang's traf ich aber die Frau, die mir sagte, daß noch immer die gleiche Ungewißheit herrsche. Es besteht jetzt die Möglichkeit, daß die Sache des Herrn Professors wieder vor ein Gericht kommt, aber eine bestimmte Aussicht ist es nicht, weder in Betreff des Zeitpunktes noch des Erfolges. Sie freute sich sehr über Deine Grüße; der Mann war leider abwesend.
[2]
|
Die Luft im Hause Seidel ist durchaus angenehm. Sogar mit Philosophie beschäftigt sich der Hausherr und zwar ist er von den Bewohnern in Sils-Maria, wo er seit Jahren bekannt ist, beauftragt, ein Nietzsche-Gedenkzimmer einzurichten. Die Schwester, die er operierte, hat Original-Handschriftliches dazu gegeben und im übrigen verhandelt er mit dem hies Weimarer Archiv, denn er ist ja - Mediziner! - Die allgemeine Einstellung aber ist nicht wie meinem Schwager. Sie haben hier doch allerlei Aufklärendes erlebt und sind außerdem in ganz Jena betrübt über die Unterdrückung der Korporationen. Jetzt liegt auf allen Bergen Schnee und es ist richtig winterlich. So kann also die Olympiade doch noch stattfinden. Unten hören sie die Berichte am Radio, ich begnüge mich mit dem was Frau Professor erzählt. -
Von Heidelberg habe ich noch nichts gehört. Hoffentlich ist dem Vorstand alles gut bekommen. Für mich war der Besuch unsrer Aenne eine richtige Wohltat. Sie ist eine liebe, treue Seele und zum Glück blieb sie auch von Ansteckung frei. Einmal waren wir zusammen auf dem Schloß, sonst war das Wetter so abscheulich, daß es sie nicht reizte, dem Zweck der ganzen Reise, nämlich vor- und nachmittags zum Vorstand zu gehen, untreu zu werden. Und ich gönnte mir möglichste Ruhe; nur Sonntag war ich den ganzen Tag mit in der Bergstraße und dort war es verhältnismäßig still, da viele Gratulanten teils vorher, teils nachher ankamen. Aber eine Unmenge Briefe, Blumen und sonstige Gaben trafen ein und Euer
[3]
| feines Telegramm machte großen Effekt. Sie hob es immer wieder mit Stolz hervor. - Am 3. morgens reiste ich ab, verkehrter Weise von meinem Besuch zur Bahn gebracht, der erst gegen Abend nach Frankfurt fuhr. - Hier wurde ich von Frau Professor abgeholt - also: aus einer Hand in die andere! Ich bewohne das Zimmer des Sohnes, der beim Flag dient. Das Haus liegt oberhalb der [über der Zeile] früheren Stoy-schen Anstalt am Beginn des Steiger, wenn Dir das ein Begriff ist. Man hat einen hübschen Blick über die Stadt, und wenn ich mal nachts rausgucke, strahlen die großen Fabriken von Zeiß wie eine Illumination, denn sie arbeiten mit Nachtschicht! -
Erzählen wollte ich Dir auch noch, daß ich am letzten Januar wieder einmal diesen schauderhaften Stimmritzenkrampf hatte, gerade bei einem Besuch in der Bergstraße. Seitdem hatte ich immer aufgelöstes Morphium bereit stehen, habe aber nur tropfenweis davon gebraucht. Auch hier habe ich ein Fläschchen mit, aber es wirkte schon durch den Anblick. Der Krampf ist entsetzlich, so eine Art probeweises Ersticken. Ich war richtig krank davon.

- 8.I. Gestern schlief ich schon halb und jetzt ruft die Arbeit. Darum für heut nur noch viele, viele Grüße und innige Wünsche in stetem Gedenken.
Deine
Käthe.

[Fuß] Da der Vortrag auf den 19. verschoben wurde, kann es sein, daß ich hier einige Tage länger bleibe als der 12.