Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Februar 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.II.1936.
Mein geliebtes Herz!
Das war mal schön, daß am Montag, bald nach der gewohnten Postbestellung, der Eilbote Deinen lieben Brief brachte. Ich habe ihn treulich und verschlossen mitgenommen, und erst am 25. morgens geöffnet. Habe Dank für Dein liebes Schreiben, das mich aber durch die Nachricht Deiner großen Erschöpfung recht bekümmerte. Wenn Du nun wenigstens einige Ferientage machen würdest, aber statt dessen kommt sogleich die anstrengende Reise. In Gedanken werde ich Dich begleiten und mir ausmalen, welch eine Fülle der Eindrücke an Dir vorüberziehen wird. - Ich hatte ein paar sehr erfreuliche Tage in Schönbrunn. Der Weg hinauf hatte mit Glatteis nichts zu tun, eher fürchtete ich die Nässe; aber abgesehen von dem lebendigen Rauschen der Bächlein war von den vorherigen Regengüssen nichts mehr zu spüren. Das Zusammensein mit "Gleichgesinnten" hat mir wieder sehr wohlgetan. Aber es will mir scheinen, als ob auch die frohe Spannkraft dort ein wenig nachließe. Es gibt immer allerlei Bedenkliches zu erzählen und auch ich hatte Drucksachen mitzuteilen, die über die Tendenz des N.S.D.St.B. in weltanschaulicher Hinsicht sehr aufklären. Ich bekam da allerlei vom Doktorinchen und auch von hiesiger Seite. Du schreibst mehrfach von Kirchensachen, sodaß ich glaube, Du wirst da orientiert sein. Zu meinem Erstaunen nehmen Weinels das alles garnicht schwer. Ich empfinde da doch die Gefahr einer zu "liberalistischen" Einstellung. - - Zu meiner Überraschung wußte man in Sch. von meinem Geburtstag und alle kamen in feierlichem Zuge: "wir gratulieren unsrer Tante Käthe" mit Blumen und Eiern! und einer reizend verkleideten
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| Flasche sterilisierten Apfelsaft. - Ich hatte Orangen und allerlei Fastnachtsscherz in meinem Rucksack mit raufgenommen und freute mich schon auf die erleichterte Heimkehr - das war nun vergeblich! - - Auch Deine Kultur-Morphologie hatte ich mit und sie erregte bei Otto Kohler lebhaftes Interesse. Zum Sommer will er sich eingehend damit beschäftigen. Jetzt ist der Herr Lehrer mit all den Nebenämtern vollauf beschäftigt. - - Auch ich bin noch nicht mit dem Lesen fertig, mein Herz, ich komme nur seitenweise vorwärts, denn es ist so ungemein gedrängter Inhalt. Aber das Lesen ist mir immer wie eine Höhenwanderung, wie eine Befreiung von dem Druck in der geistigen Niederung des täglichen Daseins. Wie schön, mein Einziger, daß Du wieder zu der inneren Unabhängigkeit solch reinen Denkens gekommen bist! Und wie schade, daß Du nicht jetzt einige Wochen der Freiheit für Dich selbst haben kannst! - Daß mein Lesen nicht rascher geht, daran ist auch eine gewisse Ermüdung schuld. Jena war doch etwas anstrengend, und hier habe ich sehr eilig eine Arbeit für meine Schwester gestrickt, abgesehen von der Wandtafel, die noch fertig werden müßte, ehe Prof. Runge auf Reisen geht. Da bin ich heut einmal bis 9 Uhr im Bett geblieben und nach dem Frühstück schlief ich auf dem Sopha weiter bis 12 - - - und nun ist wohl das Defizit wieder ausgeglichen. Schlafen ist schließlich noch das billigste Heilmittel.
Vielen Dank auch für den Siebenbürger Roman, der mir schon in Stolp begegnete, und der einen ganz eigenen Reiz hat. Nur der Schluß enttäuscht. In der Stille hatte ich eigentlich auf den Goethe-Aufsatz gehofft, von dem Du mir Weihnachten erzähltest. Wann wird er erscheinen? - Das Fastnachtsrad war diesmal nicht ganz so gelungen,
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| besonders deshalb, weil der hiesige Odenwaldklub sich der Sache bemächtigt hatte, mit 150 Personen erschien und mit einer Deklamation, Singspiel etc. etc. die Stimmung störte. Ein kalter Nordwind und nasse Füße vom Herumständern in dem aufgeweichten Acker waren auch wenig erfreulich, sodaß ich mir bald ein stilles Plätzchen hinter dem Feuer suchte und im Anblick der Glut und der Milliarden Funken, die im Rauch über die Felder hinzogen, meinen Gedanken nachhhing. Jeder will einmal die Fackel schwingen und das noch durcheinander und auseinander nach allen Seiten. - Aber eine Erkältung hat es nicht gebracht!
In den 2 Zimmern, die Du kennst, waren dann noch 24 Personen zum Abendessen und zum Schluß ging es durch den Wald und über den schwarzen Neckar, in dem sich wenige Lichter spiegelten, zum Zuge nach Haus. - Da fand ich noch viele Briefe, unter anderem von Hermann. Das war ein Tropfen Wermut in den Freudenkelch des ungetrübten Tages. Er schreibt von nervösen Magenverstimmungen und von einem Conflikt mit einer Lehrerin, die mir als hysterische, fanatische Person bekannt ist; natürlich P.G. und er sieht große Schwierigkeiten voraus, da er ihre Versetzung beantragen mußte und sie ihn als reaktionär verdächtigt. Derartige Dinge sind heutzutage unberechenbar und unheimlich. Was ist eigentlich das mit dem "Mißerfolg" des Freundes, den ich in Jena besuchte? Und dann - hörtest Du von Karli Kindermann? Hier wurde mir erzählt, er sei spurlos verschwunden, zuletzt gesehen in Konstanz. Man habe im Rundfunk davon berichtet.
Ob da ein Schatten auf unseren Bodensee fallen sollte?
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O, ich verstehe Deine Sehnsucht nach unsrer Insel des Friedens, und fühle sie selbst oft genug. Ein kleiner Anklang davon ist mir immer der Aufenthalt in Schönbrunn, und darum ist mirs ja so nötig gewesen, daß es kennen lerntest und nun mit mir dort sein kannst. Ich hoffe, daß die große Insel im Osten nun doch für Euch an Anziehungskraft verloren hat. Denn ich stelle mir vor, man käme da leicht vom Regen in die Traufe. Wie war es wohl mit Frobenius? Ist er persönlich ebenso anregend, wie als Schriftsteller? -
Nun danke mir herzlich bei Susanne für ihren lieben Brief. Heut kann ich nicht mehr schreiben, ich möchte aber den Brief noch fortbringen. -
Viel gute Wünsche geleiten Dich auf Deiner Reise. Möge der Erfolg Deine Mühe lohnen. Sei innig gegrüßt von
Deiner
Käthe.