Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. März 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6.III.36.
Mein geliebtes Herz!
Es kommt mir sehr lange vor seit meinem Geburtstag, wo ich zuletzt von Dir hörte. Das Einerlei der Tage nimmt einem das richtige Zeitgefühl, denn ich wüßte nicht zu sagen, womit mir die Tage so rasch verflossen sind. - Immer wieder wandern meine Gedanken zu Dir und möchten wissen, wie es Dir geht. Ist die Anstrengung nicht schlimm? Ich fürchte sehr, denn Du fingst doch die Reise schon ermüdet an. Und man muß doch in Deiner Lage so auf jedes Wort bedacht sein. Wie gut, daß von nun an Susanne bei Dir ist, und Dir gewiß manche Äußerlichkeit abnehmen kann. Und ich hoffe, es wird auch manche genußreiche Stunde dabei sein, denn Budapest soll doch so bildschön sein. Damit Du darüber unser altes Heidelberg nicht vergißt, schicke ich Dir das nette Bildchen von der alten Brücke mit. Erinnerst Du Dich noch an den Holzkasten, von dem wir vermuteten, er solle den Denkmälern zu nahe treten? Jetzt haben die anderen Brücken auch solche Kästen und es wird darin lange und gründlich mit dem Steinbohrer gearbeitet. In der Stadt erzählt man sich darüber Dinge von Fliegerschutz, oder auch von Sprengladungen, um des lieben Friedens willen ...
Morgen am Sonnabend wird nun endlich der verschobene Damenkaffee vor sich gehen. Und am Sonntag
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| wollen Rösel und ich nach Ursenbach. Hoffentlich bin ich wohl genug, denn es muckert immer noch in meinem Kopf, Stirnhöhle und Ohr sind nicht "koscher". Es ist aber die letzte Möglichkeit, Häblers noch mal zu besuchen, denn sie ziehen nach Baden-Baden. Ich schrieb wohl noch nicht, daß - wie das jetzt üblich ist - sie bei der Rückkehr vom Urlaub bereits den Nachfolger im Amt vorfanden, ohne von einer Zurruhesetzung gehört zu haben? - - Um Hermann sorge ich mich auch; ich kann da Näheres nicht schreiben. - Der Neffe Günther, in guter Parteistellung, hat sich verlobt und wird im Herbst heiraten.
Am Mittwoch hatte ich Gertrud Kohler und Rösel zum Abendessen bei mir. Es machte sich so, daß wir bei einer Flasche Weißwein Brüderschaft tranken. Ich tue das ja nicht leicht, aber in diesem Fall war es wohl an der Zeit; denn man versprach sich schon öfter.
Den Vorstand fand ich heute ganz munter, aber da bei Mathys zum Frühling Mädchenwechsel ist, wurde die Frage erörtert, ob man noch länger die Fürsorge für Aenne übernehmen könne. Ich hoffe doch sehr, daß sich die etwaige Trennung noch hinzieht, bis einmal der Zustand einen Krankenhausaufenthalt nötig macht. Es wäre sehr hart für Aenne und würde sicher schädigend auf sie wirken, wenn jetzt ein Wechsel einträte. - -
Alle abend lese ich in der Kultur-Morphologie und bin froh, dem Gedankengang zu folgen - entrückt der Enge und dem Druck. - Und mit Freuden las ich auch den Siebenbürgen-Roman, welch eine schöne Welt geht da unter; oder kann sich diese eigenartige Kraft noch einmal behaupten?
<li. Rand>
Grüße Susanne und sei selbst innig, innig gegrüßt von Deiner Käthe.