Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. März 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.III.36.
Mein liebes, geliebtes Herz!
Es ist ganz gegen die Ordnung, daß Du bei Deiner Rückkehr keinen Brief von mir vorfandest. Es war auch meine Absicht zu schreiben, aber in den letzten Wochen hatte ich einen solchen Abscheu vor Tinte und Feder, daß ich mich nicht dazu aufraffte. Eigentlich ist doch mein ganzes Denken und Erleben beständig an Dich gerichtet - und Du hast mich mit dem lieben, ausführlichen Brief aus Olmütz und der Karte aus Marienbad so verwöhnt, daß ich mich wie geborgen in Deiner Nähe fühlte, aber schreiben mochte ich nicht. Voll Wonne wie den Frühlingssonnenschein ließ ich Deine lieben Nachrichten auf mich wirken, genoß in Gedanken das freudig Anregende Deiner Reise mit und fühlte, wie mit dem Erfolg Deine Kräfte wuchsen. Denn eine unglaubliche Anstrengung war das Ganze und ich war doch richtig froh, als ich Dich endlich in Marienbader Sonne und Stille wußte. - Habe Dank, daß Du mich
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| so teilnehmen ließest und verzeih meine Lahmheit, die aber doch keine des Gemüts, sondern nur eine der Nerven war. Es kam wohl etwas Abspannung nach von der lebhaften Zeit in Jena und dem darauf folgenden Katarrh. Am Sonnabend d. 14. hatte ich auch noch so einen leichten Anfall von Aussetzen des Bewußtseins, wie ich ihn vor Jahren schon stärker bekam. Es ging wohl vorüber, ist aber doch eine unangenehme Empfindung. Sonst geht es mir jetzt eigentlich gut. Seit mehreren Tagen habe ich wieder Arbeitslust und werde auch wieder mehr zu tun bekommen. Häusliches reißt ja nie ab, im übrigen habe ich für den kleinen Hermann Hadlich in Würzburg ein entzückendes Jäckchen gestrickt und mache mich nützlich an der Schreibmaschine, um Kirchensachen für die interessierte Freundschaft zu vervielfältigen. - Am Sonntag - Eurem letzten in Marienbad - war ich mit Frl. Seidel zusammen, ich glaube zum erstenmal in diesem Jahr. Ihre Liebhaberei ist der Weg nach der Strahlenburg; und das ist auch
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| wirklich in dieser Jahreszeit, in der man so sonnenhungrig ist, sehr schön. Wir gehen dann von der Elektrischen in Handschuhsheim erst durch die Obstgärten und dann von Dossenheim am Berge, immer die Sonne im Rücken. Auf der Burgterrasse wird gegessen (1,30 M) und es war ein zauberhaft schöner Blick weit über die Rheinebene hin, klar und doch voll farbigem Duft. Blühen tut es freilich noch nicht, aber es steht unmittelbar bevor und die Luft ist schon von den Blumen in den Dorfgärten voller Düfte. Ach, wenn Ihr doch statt nach Marienbad hättet hierher kommen können! Es lag zu ungünstig für mich diesmal. Freilich, was Du über die schwer zu ertragende Stille der Reichenau sagst, mag schon stimmen. Aber hier ist man der Realität näher und hat doch so viel, was mit dem Bleibenden verknüpft. Der fieberhaften Unruhe, die augenblicklich über uns verhängt ist,
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| gehe ich nach Möglichkeit aus dem Wege und werde mich dem Kreuz auf eigene Art entziehen. Ich bin für Frieden, nur für Frieden!
Daß bei Euch noch kein Ersatz für Strasens gewonnen ist, macht mir Sorge. Ganz ohne geht es doch nicht! Oder ist es vielleicht in Anbetracht der schwebenden Pläne ganz praktisch? Wann käme denn die betreffende Sache in Betracht? Ich verstehe die guten Seiten sehr wohl, die anderen erwähnte ich ja schon z. T. gegen Susanne. - - Von Ada Weinel hatte ich einen freundlichen Brief. Es geht ihm wieder so gut, daß er die Vorlesungen aufzunehmen hofft. - Fragen wollte ich noch, wer ist die Köstlbacherin? Und was heißt Piarist?-- Dem Vorstand geht es relativ gut; auch allen übrigen Freunden. Von Hermann hörte ich nichts. - Über L. in Jena gabst Du mir keine Auskunft. Was mag da sein? Für heute will ich aufhören und dies schnell zur Post bringen.- Grüße Susanne herzlich und nimm selbst die innigsten Grüße
von Deiner Käthe

[li. Rand] Du weißt, daß ich des 19. in Jena gedachte!