Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. April 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. April 1936.
Mein geliebtes Herz!
Wo soll ich anfangen zu danken! Du hast mich mit so viel lieben Gaben überschüttet und mein eiliger Zettel zum Osterfest brachte meine Freude ja garnicht zum Ausdruck! Da hattest Du zu Weihnachten aber Recht, daß Du froh warst über das Gelingen dieses Goethe-Aufsatzes! Er war meine Osterandacht und das ging so zu: der Vorstand hatte das Heft der Goethegesellschaft und sie "lag mir an", den Aufsatz mit ihr zu lesen. Ich erklärte aber, ich wolle ihn erst von Dir selbst bekommen; aber das Heft blieb bei mir liegen und ich packte es in den Rucksack nach Schönbrunn mit ein. Und am Ostermorgen, während der Kirchzeit las ich Deine wundervoll bewegte, tiefe, umfassende Darstellung, die Worte findet für das, was über alle Worte ist. Da ist für mein Empfinden wahre Gottesnähe. Seltsam, wie mir gerade neulich das Metaphysische der Schönheit so lebhaft nahe trat. - Ich wußte bestimmt, daß inzwischen die Post Dein Exemplar bei mir abgegeben hatte und so war es keine Vorwegnahme, sondern Du wußtest es in meiner Hand. Habe tausend innigen Dank.
Alles Drängen, alles Ringen
Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn. - Das ist ist es, der Kampf, den wir bis zu Ende durchfechten,
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| der bringt uns Befreiung - Frieden. Dahin gehört auch das alte Testament: "ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn!" Das ist das Leben, das erhöhte, das immer wieder zu überwindende Leben. Gegen diesen tiefsten Lebenssinn tritt, je älter man wird, alles Äußere immer mehr zurück, es ist nur das Mittel, an dem sich das Eigentliche vollzieht.
Dieses Äußere war für mich wieder sehr wohltuend. Diese geraden, tüchtigen Menschen, die mir mit soviel Freundschaft entgegen kommen, haben mir ein paar sehr schöne Tage bereitet. Das Einverständnis ist immer vollständig, Einzelheiten werden berichtet und beleuchten das Gesamtbild. Alles ist ruhiger, aber nicht überzeugter, sondern voller Sorge. Auch sonst bricht sie in Gesprächen mit anderen Leuten immer auf einmal unvermutet durch. - Was Du, mein Lieb, von Koffer packen schreibst, hat mich ganz gerührt. Aber was sollte da werden? Dann wäre ja der letzte Rest einer Existenz fort. Hier habe ich doch augenblicklich mal wieder Arbeit. Auch der Oberarzt in der Frauenklinik hat 2 Zeichnungen nötig, mikroskopisch. Und wenn es kritisch würde, dann wäre wohl ein Fortkommen nicht mehr möglich.
Welch Gegensatz jetzt zu den Frühlingstagen, die wir schon hatten. Ob wohl die herrliche Blüte restlos vernichtet ist? Es fiel heute nasser Schnee in Höhe von 10 cm. und da sind viele Bäume zusammengebrochen
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| die schon ihr Laub entwickelt hatten. Vor allem in der Anlage sind die Roßkastanien, die fast am Blühen waren, erschreckend zerstört. Die Straße mußte gesperrt werden, denn halbe Bäume waren über den Fahrdamm gestürzt und massenhafte starke Äste lagen überall am Boden. Auch die Natur ist aus dem Maß gekommen. - Ein kleines Vorspiel hatten wir in Schönbrunn am Sonntag nachmittag; aber da gab es nur einen weihnachtlichen Märchenwald, durch den wir einen wundervollen Abendspaziergang machten.
Wenn ich nur nicht so energielos und müde wäre! Ich bin mit mir garnicht zufrieden. Gesundheitlich habe ich keinen Grund zur Klage, aber seelisch fühle ich mich "verbraucht und matt". Ich glaube, das kommt von der dauernden, inneren Erregung. "Man wird es leid." Es ist so zwecklos. - Das Aussetzen des Bewußtseins ist doch wohl anders, als Du es beschreibst. Es ist das ein Moment, in dem ich wie aus einem Schlaf oder Traum aufwache und dann taste ich mich nach und nach zurück zu dem, was vorher war. Ich habe inzwischen allerlei getan, als ob ich wach wäre; es scheint: im Unterbewußtsein. So habe ich diesmal bei Aaron Wassertrum aufgewaschen und fortgeräumt, und als ich wieder hinkam, meinte ich, es hätten die Heinzelmännchen getan. Ich möchte es eine Art Schlafwandel nennen. - Als es das vorige Mal kam, hatte ich einen
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| Moment der Erschöpfung gehabt und deshalb auf dem Sopha gelegen, diesmal kam es ohne erkennbare Ursache. Aber es kann nur kurze Zeit gewesen sein.
Und wann kommt denn die östliche Sache in Frage? Ich denke doch, daß Du mir dann voher noch ein ungestörtes Zusammensein schenken wirst. Denn in der Tat, ich schreibe so jämmerliche Briefe, weil ich mich nicht so auf die Arabesken verstehe. Ob die Person mit berühmtem Namen, auf die Du anspielst, wohl diejenige ist, zu der ich 33 mal einen Brief trug, der lange unbeantwortet blieb?
Ach ja, es gibt eine Welt, aus der man mit keiner noch so dringend angebotenen Weltanschauung vertrieben weren kann. Wir haben gemeinsam daran gebaut, und alles in Deinem herrlichen Aufsatz ist mir aus der Seele geschrieben, ist das, worin auch ich Erlösung finde. Das sind nicht schöne Worte, das ist mit Herzblut errungen. Wie wahr ist das, was Du von der Verschiedenheit der Seele sagst. Jede kann nur ihre Vollendung finden; der eine braucht das begrenzte, das Dogma - der andere das Grenzenlose. Aber wohl uns, wenn wir Gewißheit fanden!
Ich grüße Dich in inniger Liebe.
Deine
Käthe.

[] Viel herzliche Grüße auch an Susanne.