Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. April 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.IV.36.
Mein geliebtes Herz!
Dein lieber, eingehender Brief vom 20. beschäftigt mich unausgesetzt. Deine immer neue Selbstprüfung, Deine Bedenken, Deine Entscheidungen verstehe und teile ich. Du sprichst von König Lear-Aufführung. Ob nun dies oder anderes - Theater, lauter Theater. Morgen freilich werden wir mal Musik haben - die Alceste-Ouvertüre, die Glocken-Sinfonie und die Eroika. Die Schönbrunner und wir Heidelberger Zugehörige werden auf der obersten Galerie sehr andächtig sein. Vorher kommt die ganze Gesellschaft - etwa 6 Personen - zu mir zum Kaffee (mit Butterbrot, Kuchen und Speise, damit es auch für den Kunstgenuß vorhält.) Ja, es ist schön, mit solchen Menschen zusammen zu sein, wenn man nun einmal das tiefste Einverständnis nur in der weiten Ferne hat. Du antwortest nicht, wann diese Ferne sich vergrößern soll. Es ist etwas Wunderbares, daß solch eine schmerzlich-schwere Sache den inneren Kern nicht berühren kann, der in seiner Gewißheit unerschütterlich ist. Aber ich weiß, daß die Gefaßtheit täuscht, und daß es viel schwerer sein wird, als ich im Moment weiß. Es wirft schon seine Schatten in meinen Traum voraus. - Daß die Pädagogik schwach bestückt ist, liegt wohl an der augenblicklichen - Unverwundbarkeit. Vielleicht ist auch abgeraten worden? - Ja, was können die Menschen heut alle aufnehmen und glauben! Eine so vielseitige Musterkarte der Psychologie ist wohl lange nicht sichtbar gewesen. Aber es tröstet nicht, wenn man sagt: Herr, vergib ihnen .. denn wohin führt das alles? Ich bin ganz entschieden der Meinung, daß feststehen das einzig
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| Mögliche ist. Der passive Widerstand liegt mir ja mehr, als die Form, die Du wählst; die ich nun mal als ein - wenn auch berechtigtes - Ausweichen empfinde. Ich glaube auch nicht, daß Deine Wirkung auf die Studenten so gering ist, wie Du jetzt annimmst! Man ist nur heutzutage gewöhnt, sich zurück zu halten, wo es sich nicht um eine offizielle Sache handelt. - Hier steht ja nun die offizielle Universitätsfeier bevor. Ich lege Dir zur Kenntnisnahme das vielversprechende Programm bei!
Neulich bei der Verwüstung durch den Schnee stand eine einfache Frau an der Anlage, und ganz überwältigt sagte sie laut: "E' Wieschtenei, ganz wie die Menschen jetzt. - - Und ein andermal zum gleichen Thema sagte mir eine andere: "Es paßt zum Ganzen. - Du siehst also, wir stehen mit unsrer Klage nicht allein. Ob wohl die geistige Welt auch diese fabelhafte Fähigkeit zur Überwindung des Zerstörten hat, wie die Vegetation? Da sieht man im Ganzen wenig mehr davon. Nur in den Wäldern soll großer Schaden sein. -
Etwas sehr Merkwürdiges und Wichtiges habe ich erlebt: ich habe meine Mutter kennen gelernt und lieb gewonnen. Tante Hedwig Eggert hat mir vor Jahren ein Päckchen Briefe von ihr gegeben, die ich damals zurücklegte. Und das war wohl gut so. Denn jetzt war ich voller Empfänglichkeit und habe ein wirkliches Bild von ihr gewonnen. Ich habe durch Tante Thes, wohl ihr selbst unbewußt, keine innere Beziehung zu der so jung Verstorbenen gewonnen. So ist mir jetzt, als hätte mich zum erstenmal ihre Liebe berührt. Wenn ich nicht wüßte, daß Du keine Zeit hast, würde ich Dir so gern die Briefe schicken, die von ihr und mir handeln. - Wie schade, daß ich Tante Hedwig nicht mehr danken kann. Ach, wie oft trifft
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| es doch unser Herz im Leben, dies: zu spät. Und darum muß ich Dir nur heute, da es noch Tag für uns ist, sagen: wie ich ihr die Existenz auf dieser Erde danke, so danke ich Dir das Erwachen zu einem höheren Leben. Ganz und gar von tiefer Mystik durchwoben ist alles, was mich mit Dir verbindet. "Innerste Gewißheit" gibt mir das Leben selbst; sie wird uns geschenkt und daß wir sie fassen können, das ist die Gnade. Diese wunderbare Doppelheit von Tat und Gabe, wie fühlen wir sie doch in allem Höchsten, was uns berührt.
Freilich, Christentum im dogmatischen Sinne ist das nicht mehr. Aber ist nicht Christentum recht eigentlich Lebensüberwindung durch Liebe? Können wir etwas Höheres verlangen als diese Geborgenheit: in der Welt - über der Welt? -
Wie denke ich bei alledem an Deinen Goethe-Aufsatz! - -
Ich hoffe von ganzem Herzen, daß [über der Zeile] die beabsichtigte Veränderung für Dich die innere Freiheit bringen möge, die Du davon erwartest, und die erwünschte Erweiterung des Lebenskreises. Es ist schon etwas, wenn man nicht stündlich sein wahres Gesicht verhüllen muß. - - Dazu habe ich hier nur sehr wenig Notwendigkeit. Recht erfreulich ist die Aussicht auf allerlei weitere Berufsarbeit; und zwar verhandle ich jetzt nicht mehr mit dem immer eiligen Professor, mit dem man überhaupt nicht reden kann, sondern mit dem liebenswürdigen, mir von früher bekannten Oberarzt. Wir trafen ihn s. Z. auf der Reichenau, jung verheiratet. -
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Ja, die Reichenau! - Und Hermine will heiraten? Ich habe seit der Butter nichts mehr von ihr gehört. Wo ist sie denn jetzt, weißt Du ihre Adresse?
Diesmal wird mein Brief nicht zum Sonntag bei Dir sein, leider. Ich war gestern abend zu müde. Es ist viel Föhn und meine Kräfte sind kümmerlich. Denn leisten tue ich herzlich wenig, aber es reicht eben nicht weiter. Nach der Beschreibung, die meine Mutter von mir macht, ists immerhin alles Mögliche, was noch aus dem jämmerlichen Wurm geworden ist.
Grüße Susanne herzlich. Ich bin froh, daß Ihr nun auch Aussicht auf Ersatz für Strasen's habt. Möge es das Richtige sein. - Und Du sei in Liebe gegrüßt von
Deiner
Käthe.