Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Mai 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8.V.36.
Mein geliebtes Herz!
Wenigstens pünktlich möchte ich diesmal sein, wenn auch sonst an dem Geschreibsel nichts Lobenswertes sein wird. Denn ich bin unvernünftig müde und fürchte, mich totzugähnen! Ich habe aber auch harte Tage hinter mir. Die Decke im Wohnzimmer ist geweißt worden, und dazu mußte alles, aber auch alles, bis auf die drei großen Schränke, ausgeräumt werden. Die vielen Bücher! Und wohin mit den Sachen, denn das Schlafzimmer ist ja ohnehin "voll wie ein Ei." Dann der entsetzliche Schmutz, den die Tüncher hinterlassen und den ich in der Hauptsache allein entfernte, denn es eilte. Den 3. Tag mußte dann alles wieder eingeordnet werden, Vorhänge aufgemacht u.s.w. - Und heute habe ich wieder gezeichnet. Danach ging ich noch zum Vorstand und jetzt nach dem Abendbrot bin ich zu Ende mit der Kraft. Ich finde überhaupt, daß ich immer mehr versage. Immer bin ich gleich erschöpft, vergesse fortwährend etwas, verwechsle und verkrame alles Mögliche; kurz, ich bin recht mutlos. - Nächste Woche werde ich wenigstens nur zu Haus arbeiten, 2 große Tafeln; während Dr. Kleine nach Berlin zu einer "Schulung" fährt. Es ist angenehm, daß ich jetzt immer mit ihm verhandle; er ist viel eingehender.
Abends lese ich eben die Briefe von Goethe aus Italien, die von der Goethe-Gesellschaft 1886 herausgegeben sind. Rösel Hecht wird nämlich am 16. für drei Wochen mit einer Gesellschaftsfahrt über den Gardasee nach Venedig reisen. Ob es gerade die richtige Erholung sein wird, die sie eigentlich recht nötig hat, ist mir allerdings fraglich. Denn sie ist auch in letzter Zeit sehr rasch er
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|müdet, stündlich wechselnd im Befinden. Es gehörte ihr Ruhe, Luft und Sonne. Statt dessen wird sie vermutlich möglichst viel unternehmen, um die Gelegenheit zu nutzen. -
Zu Pfingsten hat Walter sich mit dem jetzt einzigen Sohn von Hänse hier angesagt. Allerdings wird es kurz genug sein, denn sie haben nur die beiden Feiertage dafür frei und davon geht doch die Hin- und Rückfahrt ab. Ich bin begierig, ob es was wird. - Und sonst? Ich höre wenig und lese die Zeitung schlecht. Es ist ja doch nur ein Rätselraten.
Nun will ich aber in der nächsten Woche endlich die Bilder und Briefe zurückschicken, die Du hoffentlich noch nicht vermißt hast. In den letzten Tagen wars unmöglich und heute kann ich mich nicht aufraffen. - Möchtet Ihr mit der Tischlerfamilie das Richtige getroffen haben.
Und nun fallen mir die Augen zu. Also, mein liebes Herz, gute Nacht! Vielleicht träume ich wieder von Dir, das wäre hübsch, wenn es auch kein rechter Ersatz ist. Grüße Susanne vielmals und sei Du selbst innig gegrüßt von
Deiner Käthe.

[] Vielleicht gehe ich Sonntag nach Schönbrunn.