Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Mai 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Mai 1936.
Mein geliebtes Herz!
Es ist wieder unversehends Sonnabend geworden, die Wochen verfliegen zu rasch, immer nur erfüllt mit dem Kleinkram von Tag zu Tag. Mein Wunsch zu schreiben ist immer rege, oder besser: meine Gedanken sind eigentlich immer an Dich gerichtet; aber wenn ich dann vor dem Papier sitze, da stockt das Wort. Es ist eine so grenzenlose Kopfmüdigkeit in mir, daß ich vollständig versimple. - - Natürlich beschäftigt mich die große Frage mit ihren Vorder- und Hintergründen unausgesetzt. Du weißt, daß ich gern in dem, was scheinbar zufällig an mir vorüber zieht, eine tiefere Symbolik suche. So schöpfe ich aus aller Lektüre immer nur das, was mit meinem Dasein in Beziehung steht. Die Goethebriefe, von denen ich Dir erzählte, wecken da natürlich auch Vergleiche; und es ist in mir der innige Wunsch, Dein Plan möchte sich für Dich ebenso fördernd und befreiend sich erweisen, wie jene italienische Reise. Ich habe beim Kramen all die vielen verstreuten Arbeiten der letzten Jahre durch die Hand gehen lassen und da stieg vor allem das Verlangen in mir auf, es möchte diese "Distanz" Dir auch wirklich die Ruhe bringen, die Gesamtschau, die längst in Dir gestaltet ruht, für andere in geschlossene Form zu bringen. Das ist es, was ich von dieser Epoche erhoffe. Und dabei bewegen mich genau die Gedanken, die Du in Deinem lieben letzten Briefe äußerst: ich fürchte, daß die Pflichten des Tages, das was Du den Kleinkram nennst, Deiner preußischen Gewissenhaftigkeit wieder die Konzentration auf Dich selbst und jene Aufgabe erschweren werden. Es liegt in Deiner Natur und die fremden Verhältnisse werden dazu beitragen. Du darfst die übernommene Verpflichtung nicht zum Druck werden lassen. Es wäre wohl sogar besser gewesen, es mehr als eine Studienreise aufzufassen, und dort die
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| Dinge von vorn herein nicht mit Amtspflichten zu überlasten. Du willst ja nicht ein angenehmes Leben dadurch führen, sondern eine Aufgabe lösen, zu der nur Du allein fähig bist. -
Gestern hatte ich also Walzens zum Abendessen, schon ganz losgelöst innerlich. Sie sehen die Dinge auch ohne Illusion, er mehr als Idealist, sie mehr realistisch-ästhetisch. Zusammen machen sie einen recht guten, harmonischen, ruhig eingelebten Eindruck. Wir haben etwas mehr Fühlung gewonnen als anfangs. Sie lassen Dich sehr herzlich grüßen. -
Bei Euch scheint die Kirchenfrage nicht so zu schlummern wie hier. Ich kann aus den Arabesken leider nicht abnehmen, um was es sich da eigentlich handelt; welche Richtung da vertreten ist. Wohl keine der abgestempelten? - - Glaubst Du denn, daß an der italienischen Hegemonie noch irgend etwas zu ändern ist? - Zu hoffen haben wir ja von keiner Seite etwas. Statt dessen aber wächst die Expansivlust der Jugend. Wann wird das Pulverfaß explodieren?
Von Rudi aus Würzburg hatte ich wieder Bilder, des kleinen Hermann. Ein Prachtjunge. Er [über der Zeile] R. will mal über Sonntag mit seiner Frau herkommen. Aber für Pfingsten muß ich ihm abwinken, da kommt also Walter mit Arnold Hadlich aus Minden. Sonst schweigt meine Post, denn ich habe Schulden über Schulden. Immer schiebe ich es wieder hinaus, und ich werde noch völlig unter die Trapisten gehen.
So nimm auch Du vorlieb, mein Einziger, und verwöhne mich weiter mit lieben Nachrichten. Willst Du nicht vor dem 15.9. noch mal eine Weile in die hiesige Wohnung kommen? Es läßt sich gut einrichten; und vermutlich ists wohl das letztemal. - Du schreibst: man hat mich gefragt. Ja, ich dachte: man wäre J.?
In stetem, treuem Gedenken grüßt Dich innig
Deine
Käthe.

[li. Rand] Ich hoffe sehr, auf die angekündigte Schrift.

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Rom. 25.I.1787
Vom Herzog habe ich einen Brief, so mild, wohltätig, schauend, aufmunternd und herzlich, daß mir auch von dieser Seite meine Lage die glücklichste scheinen müßte. Und sie wird es sein, sobald ich an mich allein denke, wenn ich das, was ich so lang für meine Pflicht gehalten, aus meinem Gemüthe verbanne und mich recht überzeuge: daß der Mensch das Gute das ihm widerfährt, wie einen glücklichen Raub dahinnehmen und sich weder um Rechts noch Links, vielweniger um das Glück und Unglück eines Ganzen bekümmern soll. Wenn man zu dieser Gemütsart geleitet werden kann so ist es gewiß in Italien, besonders in Rom. Hier wo in einem zusammensinkenden Staate jeder für den Augenblick leben, jeder sich bereichern, jeder aus Trümmern sich wieder ein Häusgen bauen will und muß.