Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Juni 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27.VI.36.
Mein geliebtes Geburtstagskind!
Da ich noch zu faul bin, aufzustehen, will ich Dich wenigstens mit einem Bleistiftbrief begrüßen! Möchtest Du heut und morgen eine Arbeitspause einfügen können, ehe der Semesterabschluß einsetzt. Freilich, es kommen gerade heute dann all die Freundschaftsbesuche und fordern Zeit und Kraft. Aber es ist doch gut, den Kreis der Getreuen um sich zu fühlen und ich hoffe, der Geburtstag soll Dir recht wohltuende Eindrücke bringen.
Von allen Einzelheiten der Zukunft weiß ich ja leider so gut wie nichts, nur daß im Oktober das Schiff geht, das Ihr benutzen wollt. - Und so wandern meine Gedanken in die Vergangenheit und weilen bei all dem, was unvergänglich ist. Möchte es doch auch Dir der feste, unerschütterliche Grund des Lebens bleiben, die Heimat, aus der man nicht vertrieben werden kann.
Ich hatte mir gedacht, Dir endlich einmal wieder einen besinnlichen Brief schreiben zu können, aber da kam nun leider das Mißbefinden dazwischen und Du wirst gefunden Haben, mein Gruß war dürftig, wie die ganze Person! Aber Du weißt ja, daß auch die wenigen Worte aus einem vollen Herzen kamen, aus einem Herzen, das Dir ganz gehört.
Hier ist herrliches Sommerwetter und die Leute klagen über die Hitze. Ich empfinde sie nicht störend, denn ich liege ja still - meist ganz untätig. Meine Freundschaft verwöhnt mich sehr. Rösel Hecht kommt oder schickt 3x
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| am Tage, besorgt mir Mehl, Butter, kocht mir was zu Mittag - kurz ich habe alles, was ich brauche. Bertha kommt aus dem Diakonissenhaus und macht mir Vorwürfe, daß ich sie nichts für mich tun lasse. - Gertrud Kohler schreibt aus Ober-Sch.: wenn ich ernstlich krank würde, käme sie am Montag zur Pflege her. Ich komme mir also vor, wie ein Pascha. Dabei geht es mir tatsächlich schon wieder fast normal, der anfängliche Luftröhrenkatarrh hat sich in die Stirn- u. Kiefernhöhlen verzogen und ist im Abflauen. Aber die ganze Sache hat mich sehr mitgenommen, da ich ohnehin nicht sehr bei Kräften war. - Voraussichtlich wird Bertha nun gleich vom Diak. Haus aus abreisen, was schließlich auch das Beste ist. Hoffentlich bleibt dann nicht allzuviel liegen, denn sie ist auch nicht auf der Höhe und sehr zerstreut. Es tut mir leid für sie, daß ihre Reise, die so erfreulich anfing, solch Ende nehmen muß.
Über die Wohnungssache ist nun leider kein Fortschritt zu melden. Von Montag an hoffe ich, alle Schritte tun zu können. Ich studiere die Zeitung, ich rede zu jedermann davon, aber noch ist kein greifbares Objekt da.
Zum Sonntag wird nun leider dieser Zettel nicht bei Dir sein, es ist schon 5 Uhr vorbei. Entschuldigen wollte ich mich auch noch, daß die Briefe gestern nicht mitkamen. Ich hatte sie bereit gelegt, aber dann natürlich vergessen. So ist es immer, nicht wahr? Es ist, mein Lieb, um Dich im Verzeihen zu üben!! - Nun noch <li. Rand> viel herzliche Grüße an Susanne, und ganz besonders Dir von Deiner Käthe.