Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Juli 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Juli 1936.
Mein geliebtes Herz!
Seit gestern bin ich aus der ärztlichen Behandlung entlassen und fange an, mich wieder normaler zu fühlen. Da habe ich mich gleich mit Rösels Hilfe in die Wohnungssuche gestürzt und sehe, daß das genau so schwierig ist, wie ich mir vorstellte. Wenn nicht der Zwang des Termins vorläge und man in aller Ruhe suchen könnte, wäre es noch anders. Aber gerade die kleinen Sachen sind fast vergriffen. Da habe ich nun etwas in Sicht, was natürlich auch seine Schattenseiten hat, aber ich glaube doch, daß die Vorzüge überwiegen. – Erinnerst Du Dich an die schöne Lage des Hauses am Anfang von Rohrbach, das [über der Zeile] wo wir mal die Geheimrat Mathy’s besuchten? Ganz nahe dort am Waldesrand ist ein neues Haus eines städtischen Beamten, der im Dachstock 1 Zimmer u. Küche mit Bad etc. vermietet. Das wäre an sich sehr ausreichend, wenn nicht beide Räume 2 schräge Wände hätten, sodaß man verzweifelt wenig Sachen stellen kann. Aber es ist ja entschieden mein Wunsch, meinen Betrieb zu verkleinern und es wird gewiß gut sein, wenn ich möglichst viel
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| Unnötiges ausschalte. Aber ein gewisser Bestand ist eben doch erforderlich, und manches ist mir immer noch beruflich notwendig. Ich hätte da oben einen wunderbaren Blick, der mich sofort bezauberte, und hätte das kleine Reich ganz für mich in Abschluß. Es soll 40 M kosten – (etwas viel Minderwertigeres in der Altstadt 54!) und natürlich muß man Fahrgeld darauf rechnen, denn immer kann man den Weg nicht laufen. Die Haltestelle ist unmittelbar am unteren Ende der Straße, in der ich wohnen würde. – Heiß wird die Wohnung sein, denn die Fenster sind ohne Läden. Aber alles ist so licht und sauber und der Besitzer macht einen so angenehmen, vertrauenerweckenden Eindruck. Die Lage ist ruhig und schön, und die Ruhe tat mir sofort wohl, nachdem ich hier seit dem 26. in dem Höllenlärm der Rohrbacher still liegen mußte. – In Neuenheim ist alles sehr teuer und so eine Familie, die abvermieten will, findet man nur durch Zufall. Auch hat der eigene Abschluß nicht zu unterschätzende Vorteile. Ich bekam nämlich unter anderem ein Angebot, das eine Zimmer mit jemand zu teilen!!
Morgen, Montag, will Herr Dürre kommen und mir den Plan mit den genauen Maßen bringen, damit ich sehen kann, ob ein Unterkommen überhaupt möglich ist. Hältst Du es nun wohl für richtig, daß ich an dieser Idee festhalte? Es kann übrigens immer noch sein, daß
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| er noch etwas Geeigneteres als Mieter findet, dann wäre es eben Schicksal. – Aber denken könnte ich mir, daß da draußen mein Leben etwas mehr Beschaulichkeit bekäme, die ich in letzter Zeit so oft vermißte. Es ist auch von Wichtigkeit für mein Wirtschaften, daß ich dort beliebig kochen kann, was beim Abvermieten immer nur Gefälligkeit und eine tägliche Rücksichtnahme ist.
Noch etwas. Ich war heute bei Mathy's in der Bergstraße die schon lange davon sprachen, daß sie Aenne nicht mehr lange im Haus behalten können. Da habe ich gefragt, ob sie wirklich entschlossen sind, ein Ende zu machen und ob das etwa zum Oktober eine Änderung geben würde. Da hat aber die Generalin doch die Entscheidung nicht fällen wollen, denn die alte Freundin tut ihr zu leid, wenn sie auch oft darüber seufzt. – Ich fand aber, daß ich diese Klarheit schaffen mußte, ehe ich mich zu etwas Anderem entschließe.
Jetzt will ich nun diese Zeilen zur Post bringen. Wenn Du sie morgen, Montag, noch bekommst, kann ich vielleicht noch eine Antwort von Dir haben, ehe ich die Sache fest mache. Ich wäre Dir dankbar, wenn Du es einrichten könntest, mir Deine Ansicht gleich mitzuteilen.
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Und nun verzeih, daß ich so seitenlang nur von dieser Angelegenheit schreibe. Es ist eben doch wichtig.
Draußen ists heute schwül und ein fortwährender Wechsel von Wolken und Sonne. Ich war vormittags nochmals nach einer Wohnung zu fragen, sie war aber schon fort; lag auch genau in solcher verkehrsreichen Straße. – – Von dem Jubiläum habe ich nichts gesehen, und nur homöopathisch in der Zeitung gelesen. Hast Du irgend jemand gesprochen, der dabei war?
Meine Nerven haben doch ziemlich gelitten in letzter Zeit und ich habe viel unruhiges Herzklopfen. Wenn ich nicht noch Verpflichtung in der Klinik hätte, wäre ich nochmal nach Schönbrunn gegangen. Aber es wird sich ja auch so wieder machen.
Sehr, sehr gern hörte ich mal recht ausführlich über Semesterschluß und alle Bedingungen und Möglichkeiten der Zukunft. Gewittrig ist es ja auch bei Euch, wie wir aus Bildern von überfluteten Straßen gesehen haben. Ich denke bei allem an Dich und hätte so gern Deinen verständnisvollen Rat. Es ist, als ob alles, aber auch alles uns Schwierigkeiten machen müßte!
Grüße Susanne sehr herzlich. Geht es flott mit dem Englischlernen? Die eigentliche Übung kommt wohl mit der Notwendigkeit von selbst.
Mit innigen Wünschen und Grüßen
Deine
Käthe.