Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, zum 31. August 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. zum 31. August 1936.
Mein geliebtes Herz!
War es nicht schön, sich noch einmal in die Augen zu sehen? Gab es nicht das Gefühl, als wäre das jeden Augenblick wieder möglich? - Die Abfahrt des Zuges erwartete ich dann nicht mehr, sondern suchte mir im Wiesbadener Wagen einen guten Fensterplatz. Der Wagen füllte sich langsam, zuletzt kam noch eine junge Mutter mit 2 kleinen Kindern, so etwa 1½ u. 3 Jahre alt. Das ist ja nicht angenehm, aber die Frau war so sauber und die Kinder artig, da schien alles gut, bis sich herausstellte - - daß die Kinder Keuchhusten haben. Du kannst Dir denken, wie erbaut ich war. Ich ging auf den Gang, wo die Leute bereits auf ihren Koffern saßen, bis die gute Frau selber einsah, daß sie nicht bleiben konnte und sich mit den armen geplagten Würmern ins Kämmerchen verfügte. Nachdem alle Beteiligten gründlichen Durchzug veranstaltet hatten, haben wir uns dann wieder auf unsre Plätze verfügt.
In München hatte ich genau beobachtet, wie Du den Herrn laut Verabredung an der Sperre trafst. Das ist aber ein merkwürdiges, kleines Männchen. Neben dem Anderl Witting würde er wohl als Zwerg erscheinen. Wie mag die Besprechung ausgefallen sein? Er konnte sich auch nicht von Dir trennen und kam Dir noch auf den Bahnsteig nach!!
Meine Fahrt verlief still. In Ulm gedachte ich unsrer gemeinsamen Tage, und an den Ministerial
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, der so besonders sympathisch war. - Auch die Steige haben wir ja mehrfach gemeinsam durchfahren und sie war wieder sehr verlockend. Besonders möchte ich wohl mal den nördlichen Teil mit den mancherlei Burgen kennen lernen. - Hier kamen wir ziemlich pünktlich an und als ich endlich allein in dem Zimmer war, das Dir so gut bekannt ist, las ich Deinen lieben, lieben Abschiedsgruß. Wie danke ich dir für diese Worte, die so ganz mit meinem tiefsten Empfinden zusammenklingen. Wie sehr habe ich gewünscht, ich könnte Dir von der Ruhe und Kraft, die mir dieses Zusammensein schenkte, wieder zurückgeben. Du hast es wohl gemerkt, wie schwach und Mu mutlos ich anfangs war, und wie ich an der Besinnlichkeit Deiner packenden Abhandlung über den Sinn der. "wirkenden" Geschichte wieder zu mir selbst und zu dem inneren Widerstand gegen dies "dunkle, wirre Geschehn" fand. Denn es ist ja doch schließlich leicht, in den guten Tagen von der Geborgenheit in einer höheren Fügung zu träumen, aber in ungewissen und schweren Momenten soll es sich auch bewähren, was uns das Leben gelehrt hat. - Was sind Träume? Was sind Ahnungen? Der nüchterne Verstand verwirft sie - - und doch haben auch sie bedeutungsvoll in meinem Leben mitgewirkt. Und es gibt mir Halt, hinter diesen geheimnisvollen Zeichen einen höheren Willen zu ahnen - ein Lenken zum Guten zu glauben. Und ich weiß, auch darin, auch in diesen Dingen, denen man keine Worte geben kann, sind wir einig. Mag es nur die Kraft der Deutung sein, oder ein göttlicher Wille, den zu fühlen wir fähig sind, ihn in seiner Wahreit und Wirklichkeit zu erfassen, seinem Sinn sich zu vertrauen:
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haben, konnte er auch garnicht. Und es ist wohl ein Armutszeugnis, das sich der Sohn mit dieser Behauptung selbst ausstellt. - - Ja, das Verstehen! Wie es damit bei mir in Betreff der neuesten Texte steht, ist mir sehr ungewiß. Ich habe da weniger sachgemäße Anleitung, als Instinkt. Sehr häufig hat er sich bewährt. Aber es gibt auch immer ein: - entweder - oder. Jedenfalls was das Wetter betrifft, so fürchte ich, daß der Ostwind jetzt überwiegend sein wird. Da ist es selbstverständlich, daß die kulturellen Eroberungen eingestellt werden. Sie entsprechen nicht mehr dem Tempo.
Wie kommt es eigentlich, daß Du jetzt immer ohne Schreibhilfe bist? Du warst doch so zufrieden. Und der Assistent - wie macht er sich? -
Gut, das der Mond jetzt wieder zugenommen hat. Man muß lernen, sich wieder mehr der Natur anzupassen. - Wie kommt es eigentlich, daß Frau Biermann ihren Sohn aufsuchen konnte und warum? Hatte er keinen Heimaturlaub gehabt? Stell Dir vor, wenn alle Mütter an die Front reisen wollten! -
Vor meiner Abreise nach Dielbach bekam ich auch die Nachricht vom Tode der Frau Rothmaler, der letzten noch lebenden Freundin vom Tantchen. Ich habe sie zuletzt noch im Diakonissenhaus in Halle besucht. Sie war etwa 92 Jahre geworden.
Doch nun will ich diesen gemischten Salat beenden. Hoffentlich trifft er Euch bei guter Gesundheit. Grüße Susanne herzlich und sei selbst vielmals gegrüßt wie immer von
Deiner
Käthe.