Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Oktober 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Okt. 1936.
An der Markscheide 11 a.
Mein Liebster!
Heute sollt Ihr schon in Singapore sein und zwar ist es bei Euch schon garnicht mehr "heute" und vermutlich liegt Ihr bereits in süßem Schlummer. Hoffentlich ist die Fahrt weiter so programmgemäß verlaufen und hatte auch für Euer Befinden nichts Störendes. Wie habe ich mich über den Brief aus Port Said gefreut! Und wie oft noch denke ich zurück an die Stunden in Frankfurt. Wir haben ja eigentlich nichts gesprochen und ich habe nicht einmal erfahren, was eigentlich Deine Aufgabe da drüben ist - aber es klingt in mir das stille Glücksgefühl der Gegenwart - Deiner Gegenwart - nach. Mehrmals habe ich schon seitdem von Dir geträumt, nichts Besonderes, aber Du warst da, Du warst erreichbar! Das ist etwas, woran ich noch nicht gewöhnt bin, daß Du erst in frühestens drei Wochen das lesen wirst, was ich wie in unmittelbarem Geplauder hinschreibe! - Ich habe ja auch eigentlich garnichts, was mitteilenswert wäre. Heut bin ich, seit meinem Einzug hier, zum zweitenmal wirklich den ganzen Tag zu Haus gewesen. Vorher war es eigentlich eine ständige Hetzjagd: morgens eilig zur Elektrischen, Mittagessen im Bergbräu, 1 Stunde Schlaf bei Rösel und dann wieder Zeichnen, oder ein Besuch; oder ich hatte mehrmals Gäste. Immer nur 2-3, aber sie wollen doch alle das neue Heim bewundern. Denn bewundern tun sie es alle ehrlich. Rösel z. B. trug mir auf Dir zu sagen, es hätte absolut nichts von einer "Tonne"! Und ich finde das selber auch. Es ist Raum für alles, ich muß nur endlich mal Zeit bekommen, auch für mich zu arbeiten.
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| Heut erst habe ich einige Hausarbeit erledigen können, die schon seit der Rohrbacher Str. liegenblieb. Dabei habe ich doch eigentlich jeden Abend noch ziemlich lange gewirkt. Da waren noch Bilder aufzuhängen, zweckmäßige Verteilung der Sachen in Kästen und Schränken herzustellen - und das ist wie bei einem Geduldsspiel, denn ein leerer Raum ist nirgends. - - Auf meiner bequemen Couch lese ich dann zum Schluß noch etwas; so bin ich jetzt mit dem Wiechert zu Ende. Dieses Masuren macht doch Heimweh für Generationen. Auch bei uns in der Familie ging die Sage von jenen seenreichen Wäldern in der Heimat der Urgroßmutter. Wie ist das alles von innen heraus gesehen, bedeutungsvoll und verklärt. Die stumme Welt hat mehr zu ihm gesprochen als die Menschen seiner Umgebung. Da sind nur wenige, auf die kein Schatten fällt: Tante Veronika und der Lehrer. Und so geht es wohl auch jedem von uns. Mit den meisten Menschen gibt es irgend eine Reibungsfläche. Nur selten finden wir uns restlos erhoben vom Wesen eines andern.
- Endlich sind auch die beiden Briefe geschrieben worden, die Du mir in Frankfurt auftrugst. Viele monatealten Schulden von mir selbst warten noch, denn ich bin so garnicht fähig, wenn ich den ganzen Tag unterwegs war. Ich hätte mir gewünscht, nach dem Umzug mal 8 Tage für mich zu haben, aber es kam anders. Und ich bin ja im Grund recht froh, daß man sich in den Kliniken meiner erinnert. - Wie sehr muß die Abgeschlossenheit auf dem Schiff jetzt von der unglaublichen Unruhe der letzten Zeit in Berlin abstechen. Ist es erholend? Kommst Du jetzt zum Englischen? - Ach, bis Du dies liest, ist ja alles längst vergessen!
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| Wir haben hier ganz abscheuliches Wetter, kalt und regnerisch. Dazu schlimme Nachrichten von Stürmen auf der Nordsee. Das macht mich immer etwas bange im Gedenken an Euch. Denn: Wasser hat keine Balken! Aber vor dem 25.- 30. November werde ich wohl kaum erfahren können, ob Ihr gut angekommen seid. Ich werde immer Buch führen über abgesandte und empfangene Briefe und Dir auch stets den Empfang melden.
Am Tage lockt auf meinem Schreibplatz der Himmel und die weite Ebene immer den Blick hinaus und fort vom Papier. Es ist wieder eine viel stärkere Naturverbundenheit hier, die ich wohltuend empfinde. Und dabei ist doch das Leben nahe. Ich höre die Züge rollen und kann die Wagen zählen; ich sehe die Landstraße mit ihrer Kette von Fahrrädern zu bestimmter Stunde, mit ihrer (12 Minuten)-Elektrischen und vielen Autos, trotz der großen Autobahn. Zum beschaulichen Stillsitzen komme ich freilich nicht, so einladend auch die verschiedenen Fensternischen sind. Hier am schönsten Fenster, wo der gemütliche rote Lehnstuhl steht, (der auf dem Tritt stand) habe ich als erstes Bild Deine Photographie im schwarzen Rahmen aufgehängt und darüber die kleine Radierung vom Bodensee. Diese Eckchen haben so etwas Intimes, man bemerkt sie im Zimmer selbst fast nicht. Da wirkt nur der gesamte Innenraum. Ich bin überhaupt dauernd sehr entzückt von dem kleinen Nest. Es ist mir darin so als ob man sich
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| in ein warmes, weiches Tuch behaglich einkuschelt. Ich habe es nur bisher noch wenig genossen, da ich fast immer nur zum Schlafen daheim war. Aber das wird ja auch mal kommen, und diese zwei Tage habe ich mich stündlich daran gefreut. - Meine Freunde in der Stadt sehe ich nicht weniger als vorher. Nur die Abende gehe ich noch nicht gern aus, da ist mir die Umgebung noch ein bißchen ungemütlich.
Wo werdet ihr dann wohl in Tokio wohnen? Es gibt dort doch auch europäisch gebaute Häuser! Und ich hoffe, daß Susanne auch unterwegs eine Aufnahme von Dir im Tropenanzug gemacht hat. Darauf bin ich nämlich sehr neugierig, ob es da eine Form gibt, die zu Dir paßt! - Wie mag Dir bei dieser Postlosigkeit auf dem Schiff wohl zu Mute sein? Freilich ein Radiobericht wird Euch täglich mehrmals erreichen, statt der Zeitung, die ich eben recht schlecht lese. Nach dem, was zu mir dringt, wird es immer drohender mit den Russen. Aber selbst in Frankreich scheint Besinnung anzufangen.
Herrn Dr. Drechsler habe ich noch immer nicht gesehen. Sonntags konnte er nicht, und alltags ich nicht. Anfangs Oktober sollte Dr. Walz nochmals hierher kommen. Ich habe aber nichts von ihm gehört und weiß also nicht, wohin sie gegangen sind. Von Annemarie Böttcher hatte ich aus Glasgow wieder mal einen Brief, sehr befriedigt von ihrem persönlichen Schicksal und voll großer Sicherheit über die Ziele Deutschlands im Vergleich mit der Unsicherheit der Engländer von heute, die an Demokratie und Weltanschauung irre würden. Ihr werdet dort ja auch derartige Vergleiche aufstellen können, wenn auch an anderen Objekten. - Für heute will ich aber Schluß machen und den Brief fortbringen. Wann wird er bei Dir sein? In stündlichem Gedenken
Deine Käthe.

[li. Rand] Dir und Susanne die herzlichsten Grüße!