Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./10. November 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. November 1936.
Sonntag abend.
Mein geliebtes Herz!
Von Tag zu Tag habe ich auf eine Nachricht aus Colombo gehofft, aber noch ist sie nicht gekommen. Und so will ich wenigstens ein einseitiges Plauderstündchen mit Dir halten, um den Sonntag zu feiern. Ich war den ganzen Tag still zu Hause; es war aber auch ein furchtbares Wetter, nur hie und da von scheinheiliger Sonne unterbrochen. Schon in der Nacht hatte es ums Haus getobt und geradezu wütend gegossen. Es ist eben die Zeit der Novemberstürme. Sehr schön aber war da der Blick über die Rheinebene mit der ständig wechselnden Beleuchtung. Ich werde nicht müde, mich an dieser Aussicht zu freuen. - Was ich den ganzen Tag mache, wenn ich so allein bin? O, ich habe morgens aufzuräumen. Außerdem hatte ich heute ausnahmsweis lange geschlafen, denn ich war in letzter Zeit etwas übermüdet. Dann habe ich mir etwas gekocht und gleich nach dem Essen habe ich fleißig genäht: einen Vorhang für das Gestell in der Küche und ein großes Kissen als Rückenlehne, wenn die bewußte Couch als Sopha benützt wird. Es wird also immer vollkommener bei mir!! - Morgen werden nämlich Adele Henning und Exzellenz Mathy mit Tochter bei mir sein, da mußte ichs doch den alten Damen etwas bequemer machen. - Mit Mathys ist das nämlich eine heikle Sache. Wir hatten vor langer Zeit mal verabredet, daß sie zu mir kommen wollten und dann habe ich es über der ständigen Jagd in die Stadt total vergessen. Ich war überhaupt so kopfmüde, daß ich mich auf garnichts
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| besinnen konnte. Es hätte mir aber eigentlich nach dem Umzug eine kleine Pause gehört und statt dessen kam verdoppelte Zeichenarbeit. Nun bin ich also gestern zu Frl. Dr. Clauß gegangen und sie hat mir allerlei sehr vernünftige Ratschläge gegeben. Blutbeschaffenheit ist wieder fast normal, aber der Blutdruck zu schwach und da hat sie mir Pillen verordnet nach Vorschrift des berühmten, alten Erb. Das wird nun helfen. Aber vor allem werde ich pünktlicher schlafen gehen. Weil ich immer den ganzen Tag unterwegs war, kam ich erst abends zur eigenen Arbeit und darüber wurde es meistens recht spät. - Einmal war ich sogar abends aus und zwar zur Reformationsfeier. Seltsam - es war garkeine dogmatische Enge, der Redner sprach sehr warm und würdig, und doch ist es mir nicht eigentlich tief gegangen. Ich empfand mehr denn je den inneren Abstand. Die Kirche braucht eben für die Mitteilung ihre überlieferte Bildersprache, jeder legt sie sich für sein Gefühl zurecht; mir aber ist die unmittelbare Erfahrung viel mehr und sie läßt sich nicht in die hergebrachte Form zwängen. - - Einen interessanten Aufsatz aus der Frankfurter gab mir Adele über "Wege des Protestantismus". Es handelt hauptsächlich von Harnack und Barth; und wenn ich herauszulösen suche, was nun die wirkliche Einstellung dieser Männer ist, dann scheint mir da doch auch viel gewaltsames Festhalten am Wort der Schrift zu sein. Aber das müssen wohl die Theologen, sonst ist keine Kirche mehr und die "liberale" Richtung hatte wohl schließlich das eigentlich Christliche ganz verloren.
Abends lese ich jetzt mit Interesse die kleinen Aufsätze von Eugen Diesel "Ringen um Europa". Da ist mancher anregende Gedanke und die Hauptsache ist die immer wiederholte Mahnung: Haltet ja zusammen, sonst ist Europa
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| verloren. Die Stimme eines Predigers in der Wüste. Ob sie gehört wird? Ich denke mir, Du wirst Gelegenheit haben, dort in einer gewissen Distanz die Dinge klarer zu sehen als wir hier. Bisweilen überkommt einen doch in Anbetracht all der Explosivstoffe, die man in der ganzen Welt spürt, das Gefühl, daß es wirklich heute nur ganz primitiv um das Behaupten der Existenz geht und alles andere zurücktreten muß. Aber es wird uns niemand überzeugen, daß dies die höhere Form des Lebens ist. Aber [über der Zeile] Doch man ist gerechter, wenn man sie als eine Geburt der Not ansieht.-
Vorgestern bekam ich eine sehr traurige Nachricht, wie ja überhaupt so viel Trauriges geschieht. Auf meinen Brief an Hermine schreibt deren Schwester, daß sie schwer krank im Neustädter Krankenhaus läge. Es ist Blinddarmoperation gemacht, aber offenbar zu spät. Es war schon Bauchfellentzündung und jetzt sei Lungenentzündung dazu gekommen. Über die Ehe äußert sich die Schwester nicht, nur daß sie im letzten Jahr so viel durchgemacht habe. : der Abschied von Fürsatz, und in Schwaningen hätte sie sich nicht eingewöhnen können. Sie sei ganz abgemagert und die Augen starr gewesen, als die Schwester sie im Juni sah. Sie war völlig schwermütig und alles war ihr gleichgültig, auch den Geschwistern schrieb sie nicht mehr. - Bekannte aus Freiburg brachten sie nach Neustadt, wo sie sich bei der vergeheirateten Schwester allmählich erholte und dann am 15. Sept. eine Stelle annahm, um ihr Brot zu verdienen. Also wollte sie doch nicht nach Schwenningen zurück. - Ich habe gleich nochmals an die Schwester geschrieben, fürchte aber es wird Hermine kaum noch am Leben treffen. War sie krankhaft veranlagt oder waren die Verhältnisse schuld? Es
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| sprach bei ihr immer ein sehr starkes Gefühl durch ihre Äußerungen und nun dazu das Heimweh, wo sie doch nie von Fürsatz fortgewesen war - - Es ist so grausam, daß dieses liebe Menschenkind so traurig enden soll. Sie war doch immer nur für die Ihrigen da. -
Inzwischen kam auch die Todesanzeige von dem Dr. Wentzel, den wir mal in Furtwangen und mal auf der Reichenau trafen. Da war nun der Tod ein Erlöser, denn er hatte ja mit Trinken seinen Körper ruiniert. - Auch die arme, trostlose Frau Grassi schrieb mal wieder. Sie wünscht, daß ich eine kleine Summe, die hier auf der Sparkasse ist, einer bedürftigen Studentin zuwende. Weißt Du vielleicht jemand? Ich weiß, das wäre mehr in ihrem Sinne als der offizielle Weg. -
Nun habt ihr nach dem Fahrplan nur noch 2 Tage zu fahren; denn ihr werdet doch in Yokohama aussteigen. Wie seltsam wird das sein, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben! Festen Boden zwar - da steht in der Zeitung, es sei wieder Erdbeben in Japan gewesen! Hoffentlich: gewesen. Und in Vorderindien waren Wirbelstürme; also ob der Indische Ozean wirklich so sanft war, wie man ihn Dir schilderte, das ist mir bedenklich. Ich bin recht ungeduldig, nun endlich mal wieder von Eurem Ergehen zu hören.
Und dann wollen wir, bitte, in Zukunft mal genau feststellen, wie lange eine Nachricht braucht, sowohl hin als her. Damit man doch zu bestimmten Terminen einigermaßen pünktlich schreiben kann. - Die Post hier in Rohrbach ist wie auf dem Lande: morgens nach 10 Uhr und nachmittags um 5. Ich finde also die Briefe immer erst, wenn ich heimkomme.

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Fortsetzung am 10.XI.
Eben - bei meiner Rückkehr aus der Stadt (½ 10 - ½ 8 Uhr) finde ich nicht den erwarteten Brief aus Colombo, sondern den aus Singapore! Vielen, vielen Dank. Das war eine große Freude. Und die schöne, kräftige Feder! Sie soll ein Symbol neuer Schwungkraft sein.
Welch eine Fülle von Eindrücken, welch fremde Welt ist da um Euch. Man hat wohl davon gehört, hat Bilder gesehen, aber wie anders ist das noch in Wirklichkeit. - Vor allem bin ich froh, daß Ihr gesundheitlich gut dabei zu bestehen scheint. Möchte das auch in Zukunft so bleiben. In Tokio sollen die Leute so gern sein, die deutsche Kolonie hielte so fein zusammen. Von hier ist die Tochter vom verstorbenen Bürgermeister Drach dort, die in einer Familie in Stellung ist und nicht zurückwollte, als die Leute, mit denen sie hinkam, wieder nach Deutschland gingen. -
Endlich habe ich auch in der vorigen Woche Herrn Dr. Drechsler kennen gelernt und ich glaube, wir haben uns ganz nett angenommen. Ich werde seine Mutter und Schwester auch mal aufsuchen. Vorläufig sind meine Tage noch immer ziemlich besetzt. Es kommen ja nicht allzu viel Arbeitsstunden dabei heraus, aber ich bleibe dann übers Essen in der Stadt, schlafe bei Adele oder Rösel und fahre erst gegen Abend meist zurück. - Endlich habe ich auch ein paar Besuche gemacht, die längst fällig waren: bei der kranken Frl. Schupp, die auch eine neue, kleine Wohnung hat. Und in der gleichen Straße ganz nahe bei Dossenheim!! weit in der Ebene wohnt auch Frau Bankdirektor Mathy in einem neuen Hause. Es ist bei beiden das gleiche Prinzip wie bei mir, nur eine
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| Nummer größer. Und doch gefällt es mir bei mir am besten. Auch eine Aussicht haben sie nicht wie ich! - Mit der Heizung bin ich sehr zufrieden. Die Wohnung ist immer behaglich warm. Bis auf die Bücher bin ich auch so ziemlich in Ordnung. Da fehlt mir nur noch ein Gestell, was ich vom Vorstand bekomme, die es nicht mehr braucht. Daß Du von einem 4Monatkind entzückt bist, ist aber erstaunlich. Das muß wohl ein kleines Wunder sein. Ich habe hier meine Vierjährige hin und wieder. Sie ist ein amüsantes Persönchen. Heut kam sie leider zu einer Bruchoperation ins Krankenhaus. Das wird heut abend wohl manches Tränchen kosten.
Nun will ich aber nochmals in das stürmische Wetter hinaus und den Brief in den Postkasten bringen. Das ist eben 5 Minuten weit und geholt wird zuletzt um 9 Uhr. Also für heut: gute Nacht! Wo mögt Ihr in Tokio nun wohnen? Ich bin ja so gespannt auf Eure Eindrücke. - Grüße Susanne herzlich.
Innig und treu
Deine
Käthe.